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Probekapitel (Kapitel 7)
Es war ein Uhr morgens in Sankt Petersburg, und das riesige Büro am Nevsky-Prospekt war immer noch hell erleuchtet. Anatoli Mirschnikow blickte wehmütig durch das hohe, vergitterte Bogenfenster. Früher hätte die Stadt um diese Zeit geschlafen, dachte er, man hätte höchstens ab und zu eine einsame Patrouille der allgegenwärtigen Miliz beobachten können. Aber jetzt, seit dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs, tummelte sich Gesindel aller Art in den Prachtsstraßen des ehemaligen Leningrad. Drogenhändler, Prostituierte und Gauner gaben sich zu nächtlicher Stunde ein Stelldichein und machten die Stadt für anständige Bürger zur Schlangengrube.
Mirschnikow sehnte sich nach der Zeit zurück, wo er noch etwas gegolten hatte in Sankt Petersburg, wo er noch »General Mirschnikow« gewesen war. Er hatte den Aufstand kommen sehen, und er hatte genau gewußt, was man hätte ändern müssen am kommunistischen System, damit es funktioniert hätte. Sogar mit Gorbatschov persönlich hatte er sich einmal darüber unterhalten. Aber dieser schien ihn für einen unbelehrbaren Spinner zu halten, einen typischen Vertreter der alten Garde, die allmählich ihre Generals-Abzeichen und damit ihre Macht davonschwimmen sah.
Mirschnikow hatte in den letzten paar Wochen nicht mehr richtig schlafen können. Er mußte es endlich jemandem sagen. Aber würde man ihm überhaupt Beachtung schenken? Waren die Leute von der Regierung nicht Tag und Nacht damit beschäftigt, die schädlichen Einflüsse aus dem Westen einigermaßen in den Griff zu bekommen?
Es klingelte. Mirschnikow blickte kurz auf die Video-Überwachungsanlage, die bis vor drei Monaten noch funktioniert hatte. Früher hätte er nur auf einen Knopf gedrückt, und die schwere Panzertür unten am Haupteingang hätte sich automatisch geöffnet. Jetzt mußte er seinem nächtlichen Besucher eigenhändig die Tür aufmachen. Mirschnikow griff nach seinem Schlüsselbund und begab sich, leicht hinkend, auf den dunklen Flur.
»Danke, daß Sie gekommen sind, Genosse Oberst«, sagte er zu dem Mann, der, in einen dicken Zobel gehüllt, und mit der typisch russischen Pelzmütze auf dem Kopf, auf Einlaß drängte.
»Ich bin nicht mehr Oberst«, entgegnete dieser mit leicht georgischem Akzent, »und Genosse schon gar nicht mehr.«
»Ich weiß ja, Boris Iwanowitsch, ich weiß«, beschwichtigte ihn Mirschnikow, »aber lassen Sie mich alten Mann doch noch ein wenig in dieser Illusion. Bei Ihnen darf ich das doch.«
Boris Iwanowitsch Belinsky war einer von Mirschnikows besten und strengsten Männern gewesen. Aber er hatte sich anscheinend sehr schnell an die neue Situation gewöhnt. Es war wie damals in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Plötzlich wollte niemand mehr etwas mit den Greueltaten des Regimes zu tun gehabt haben. Auf einmal war keiner mehr ein SS-General, und jeder hatte heimlich gegen Hitler und für die Juden gekämpft. Deutschland war von einem Tag auf den anderen zu einem Volk von verkannten Kriegshelden geworden.
»Boris Iwanowitsch, Sie waren immer einer meiner besten Männer«, sagte Mirschnikow, während sie gemeinsam die Treppe zum Büro hochstiegen.
»Das mag sein, Anatoli Sergejewitsch«, gab Belinsky zurück, und der Ton in seiner Stimme drückte aus, daß er möglichst rasch zur Sache kommen und wieder zu Hause ins warme Bett schlüpfen wollte.
»Daher möchte ich Ihnen etwas anvertrauen«, fuhr Mirschnikow fort. »Ich kann es nicht mehr für mich behalten, aber ich weiß auch nicht, was ich tun soll. Vielleicht wissen Sie Rat.«
Belinsky schluckte einmal leer. Wenn General Mirschnikow ihn früher um Rat gefragt hatte, dann war das immer eine Art Alibi-Übung gewesen. Dieser alte Fuchs hatte seine Entscheidungen jeweils längst gefällt gehabt und wollte nur noch eine Bestätigung für sein Tun bekommen.
»Dawajtje, Towarischtsch«, sagte Belinsky, wohl wissend, daß die alte kommunistische Anrede das Denken des verrosteten Generals beschleunigen würde.
»Nun, Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht mehr an das Projekt 'Rastajanje' aus dem Jahr 1964«, begann Mirschnikow, »das war lange vor Ihrer Zeit.«
»Rastajanje, nein, sagt mir nichts«, erwiderte Belinsky.
»Ich werde es Ihnen erklären«, sagte Mirschnikow.
»Aber kurz, Genosse, kurz«, mahnte Belinsky, der die ganze Zeit gähnen mußte.
»1964 erlebte die Computer-Industrie einen gewaltigen Aufschwung«, holte Mirschnikow aus, »die amerikanische Firma IBM hatte das System/360 auf den Markt gebracht und konnte bis zu tausend Bestellungen pro Monat verbuchen.«
Belinsky klopfte mit seinen Fingern nervös auf die Tischkante. Wenn Mirschnikow geschichtliche Fakten aufzählte, konnte es lange dauern.
»Übrigens, nehmen Sie auch ein Wässerchen, Genosse?« Mirschnikow hielt ihm die halbvolle Wodka-Flasche unter die Nase.
»Nein«, winkte Belinsky dankend ab, »ich habe damit aufgehört. Es macht den Kopf schwer und das Herz traurig.«
»Und Sie sind sicher, daß das am Wodka liegt und nicht an der politischen Situation?« versuchte Mirschnikow zu scherzen, schenkte sich ein Glas von dem starken Schnaps ein und leerte es in einem Zug, wie sie es früher immer gemeinsam getan hatten.
»Was ist mit dem Computerzeug, Genosse, erzählen Sie!« Belinsky konnte ein erneutes Gähnen knapp unterdrücken.
»Nun, im gleichen Jahr wurde die Satelliten-Organisation INTELSAT gegründet, und das Thema »Satelliten« war ebenfalls in aller Munde. So kam einer unserer Agenten, ein ziemlicher Exzentriker, auf die Idee, man müßte ein Gerät entwickeln, mit dem man sämtliche Computer auf der ganzen Welt auf einen Schlag würde lahmlegen können.«
»Wie sollte das denn gehen?« fragte Belinsky ungläubig.
»Fragen Sie mich nicht, ich bin kein Techniker«, sagte Mirschnikow, »er erzählte uns irgend etwas von elektromagnetischer Induktion, die über ein zukünftiges Netz von Satelliten ausgestrahlt werden sollte. Chruschtschow jedenfalls schien ihm zu glauben. Er stellte den Mann frei und sagte ihm volle Unterstützung zu.«
»Ja, und dann?« Belinskys Müdigkeit wich langsam einem zunehmenden Grad von Interesse.
»Dann folgte die Absetzung Chruschtschows«, fuhr Mirschnikow fort, »und Breschnew hielt nichts vom Projekt Rastajanje. Es wurde aufs Eis gelegt und geriet bald in Vergessenheit.«
»Und weshalb erzählen Sie mir das alles, Anatoli Sergejewitsch?« fragte Belinsky.
»Weil ich«, Mirschnikow senkte seine Stimme geheimnisvoll und rückte seinen Stuhl näher an Belinsky heran, »weil eine Kopie der Rastajanje-Pläne immer bei mir im Tresor lag.«
»Was heißt 'lag'?« fragte Belinsky weiter. »Wo liegt sie denn jetzt?«
»Das weiß ich nicht«, erklärte Mirschnikow achselzuckend, »vor etwa drei Monaten wurde bei mir eingebrochen. Zuerst war ich völlig verwirrt, denn ich vermißte gar nichts. Bis mir plötzlich diese alte Rastajanje-Geschichte einfiel.«
»Kann ich einen Tee haben?« fragte Belinsky, der ahnte, daß diese Unterredung länger dauern würde.
Mirschnikow deutete auf den elektrischen Samowar, der auf einem Eckregal stand. »Falls Sie wissen, wie man das Ding bedient. Ich lasse mir den Tee immer von meinem Sekretär machen, und da der abends nicht hier ist, muß ich eben Wodka trinken.«
Er füllte sich nochmals ein Glas randvoll und stürzte es mit zusammengekniffenen Augen hinunter, während sich Belinsky am Samowar zu schaffen machte.
»Wer sollte denn die Pläne geklaut haben?« fragte er, immer noch unsicher, was er von der Geschichte halten sollte.
»Deswegen wollte ich mit Ihnen reden, das ist es ja, was mir Sorgen macht. Es gibt einen Neonazi-Führer namens Gerd Hafenkamp«
»Den kenn' ich«, fuhr ihm Belinsky ins Wort, während er seinen Tee, wie in Rußland üblich, mit Erdbeer-Marmelade süßte, »der will von Singapur aus die Welt unter Kontrolle bringen und das vollenden, was Hitler begonnen hat.«
»Woher kennen Sie Hafenkamp?« fragte Mirschnikow erstaunt.
»Man hat so seine Quellen«, antwortete Belinsky wichtigtuerisch, »aber ich verstehe nicht, warum Sie sich solche Sorgen machen. Erstens sind doch die Pläne uralt und sicher nicht mehr brauchbar, und zweitens ist Hafenkamp strohdumm.«
»Er selbst vielleicht schon«, erwiderte Mirschnikow, »aber er hat ein paar sehr gebildete Leute, die für ihn arbeiten, unter anderem den Astrophysiker Kirchberg. Und die Pläne mögen nicht mehr ganz aktuell sein, aber stellen Sie sich vor, jemand würde sie an die heutige Zeit anpassen! Vielleicht war der Genosse, der die Idee ursprünglich gehabt hat, seiner Zeit voraus, und sein Plan hat heute, bei dem dichten Netz von Satelliten, eine ganz andere Bedeutung.«
»Das scheint mir unwahrscheinlich«, sagte Belinsky, während er vorsichtig an seinem heißen Tee schlürfte.
»Ja, aber warum sollten die denn den Weg nach Leningrad auf sich nehmen, bei mir einbrechen und riskieren, daß wir sie nach Sibirien schicken?«
»Sankt Petersburg heißt unsere Stadt, Anatoli Sergejewitsch, und das mit Sibirien ist auch vorbei.«
Offensichtlich hatte der heiße Tee den ehemaligen Oberst in die Gegenwart zurückgeholt.
»Dennoch, ich habe ein ungutes Gefühl«, gab Mirschnikow zurück, »vielleicht stecken auch die Amerikaner dahinter.«
»Na und, was soll's? Denen gehört ja jetzt sowieso die ganze Welt!« rief Belinsky aus, und Mirschnikow glaubte in seiner Stimme einen Hauch von Resignation zu vernehmen.
»Aber«, fuhr Belinsky fort, »warum haben Sie den Einbruch eigentlich nicht gleich gemeldet?«
»Wem hätte ich es denn melden sollen?« Mirschnikow verrührte die Hände. »Es ist ja niemand mehr zuständig in diesem Scheißland! Und ich will schließlich nicht, daß man mich noch einsperrt.«
Belinsky starrte eine Weile über den Rand seiner Teetasse in die Ferne. Dann sagte er mit bestimmtem Ton: »General, wenn Sie es wünschen, werde ich mich darum kümmern. Aber Sie müssen mir eines versprechen: Keine Menschenseele darf davon erfahren.«
»Ich danke Ihnen!« Mirschnikow atmete erleichtert auf und dachte seit Wochen zum ersten Mal wieder an ein warmes Bett. |
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