Hypnosystemisches trifft Familienstellen |
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von Martin Bender Systemischer Familientherapeut Lehrtherapeut NLPt (HPG) Heilpraktiker für Psychotherapie |
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| Dieser Artikel erschien im Fachmagazin für Complementär-Medizin Co'Med, Ausgabe Nr. 1, 2001, und wird mit Erlaubnis des Autors auf www.hpz.com in elektronischer Form veröffentlicht. | ||||||
Mancherorts glaubt man noch daran: Wo ein Körper ist, kann nicht gleichzeitig ein zweiter sein. Das mag für die Belange der Physik zutreffen. Jede Autokarambolage beweist das. Integration ist hier unmöglich. Schon der Versuch kommt teuer. Wenig nützlich ist es, wenn diese Überzeugung metaphorisch auf die Gebiete von Therapie und Psychotherapie übertragen wird. Hier hat das, was wirkt - die Wirklichkeit eben - viele Väter und Mütter. Oft scheinen sich gerade psychotherapeutische Ansätze diametral zu widersprechen und gar zu kollidieren. Bei Lichte besehen fällt aber das, was da kollidiert, in eins. Der Unterschied liegt in den Wirkfaktoren, mit denen gearbeitet wird. Die Faktoren mit denen Bert Hellinger umgeht, begründen kein in sich geschlossenes neues therapeutisches System. Seine Arbeit schöpft aus den Ressourcen derer, die schon da waren, und die da sind. Sie ist gedacht für all jene, die ihren Blick hinaus ins "Weite Feld des Systemischen" ausdehnen möchten. Und manche halten in unserer Zeit diesen Blick für unverzichtbar, wenn es darum geht, daß die Dinge ihren guten Platz finden. Einen gemeinsamen Ansatzpunkt bei der Beantwortung haben alle gefunden: Menschen scheinen ihre sozialen Erfahrungen mit Hilfe räumlicher Vorstellungen zu strukturieren. Es handelt sich um Bildvorstellungen, die im Erfahrungshintergrund bleiben und nur unbewußt wirksam werden. Familienbeziehungen und andere zwischenmenschliche Beziehungen werden sozusagen seelisch verortet, indem die signifikanten Personen bestimmte Plätze im mentalen Raum einnehmen. In der inneren Vorstellung (Repräsentation) entsteht ein Beziehungsgeflecht, dessen Struktur unmittelbaren Einfluß auf die emotionalen Qualitäten hat, mit denen Beziehungen erlebt werden. Richtung und Entfernung scheinen dabei die wesentlichen Kriterien für unterschiedliche Erlebnisweisen zu sein. Auf eine Kurzformel gebracht, kann die entsprechende Grundannahme lauten: Beziehung gleich Verortung. Diese These von der sozialen Symbolik des Raumes findet auch im alltäglichen Sprachgebrauch ihre Entsprechung. Soziale Beziehungen sind ein Ausdruck dessen, wie Menschen "zueinander stehen". Die jeweiligen "Standpunkte" werden gewöhnlich beschrieben mit Wörtern wie neben, unter, über, nah, fern, niedrig, hoch, übergeordnet, untergeordnet, überlegen etc. Vieles deutet darauf hin, daß es sich bei solchem Sprachgebrauch nicht nur um leere methaphorische Redeweisen handelt, sondern daß der jeweils gewählte Begriff die konkrete, emotional bedeutungsvolle Verortung einer Beziehung spiegelt. Wer Psychotherapie oder Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger betreibt, der weiß, daß derjenige, der "nahe steht", auch nahe gestellt wird. Oder da stimmt etwas nicht im Sinne der systemischen Ordnung. Experiment:
Zu welcher Lösung Sie auch gelangt sein mögen, es waren Ihre ersten Schritte, und Sie haben Erfahrungen gesammelt: Wie "gut" kann eine Lösung eigentlich sein? Darüber hinaus haben Sie einen ersten Eindruck davon erhalten, worum es in Hellingers Arbeit geht. Ein inneres dysfunktionales und problematisches Beziehungsbild wird in den Raum gestellt und so lange verändert, bis sich eine bestmögliche Lösung zeigt. Dieses Lösungsbild wird wieder aufgenommen und kann in der Seele seine Wirkung entfalten. Das eigentlich Entscheidende und Neue an der Aufstellungsarbeit aber ist, daß Hellinger die "gute Lösung" anhand von Kriterien sucht, die für ihn grundlegend für zwischenmenschliche Beziehungen sind. Er spricht von Bindung, Ordnung und Ausgleich. Die Art, wie diese Bedingungen in der Herkunftsfamilie realisiert sind, entscheidet darüber, welches innere Beziehungsbild der Betreffende durch sein Leben trägt. Die Struktur dieser inneren Repräsentationen ist nicht nur eine Angelegenheit des Gehirns. Auch der Körper hat sein Gedächtnis, so daß jede Zelle dieses Programm in sich trägt. Es entsteht im wahrsten Wortsinne ein "eingefleischtes" Beziehungsprogramm. Mögen "eingefleischte Junggesellen" zuweilen Hochzeitsphantasien entwickeln, ihr "Fleisch" wird schließlich alles so organisieren, daß die Dinge laufen, wie sie laufen. Hellinger meint diesbezüglich, daß der Mensch ein tragisches Wesen sei: Er entscheidet zu einer Zeit über sein Leben, in der er noch nichts über das Leben weiß. Das Geflecht von Bindung, Ordnung und Ausgleich in der Herkunftsfamilie gibt den Prototyp dafür ab, was wir später für normal und möglich halten. Wir reproduzieren in der eigenen Familie und anderen sozialen Beziehungen analoge Strukturen. In den Gegenwartsbeziehungen aktualisiert sich weitgehend ein inneres Bild, das keineswegs aus diesen Beziehungen selbst resultiert. Es ist, als schritte der Mensch in einer Art Problemtrance über die Welt hinweg, ohne sich wirklich mit ihr zu verbinden. So entfaltet die Vergangenheit ihre Macht über die Gegenwart. Bert Hellinger selbst hat von vielen Meistern gelernt. Einer davon war Milton Erickson, der als Begründer der modernen Hypnotherapie gilt. Von ihm stammt die hoffnungsfrohe Bemerkung, daß es nie zu spät sei, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben. Dieser Satz gewinnt seine Sinnhaftigkeit daraus, daß die Personen, die im Leben eine Rolle spielen, im Inneren der Seele wohnen und dort wirken. Die äußeren Personen sind nur die Stellvertreter dieser inneren Gäste. Tatsächlich geht es in Hellingers Arbeit dann auch darum, jedem Gast seinen würdigen Platz in der eigenen Seele zu geben, einen "eingefleischten Platz" - es geht darum, niemanden auszuschließen, gering zu schätzen oder das zu verachten, was er als Gastgeschenk mitgebracht hat. Und manchmal sind gerade die bittersten Gaben die wertvollsten.
In der Hypnotherapie kennt man u.a. folgenden Erscheinungen:
Wer Meditation oder tiefe Entspannung kennt, weiß, was damit gemeint ist. Es handelt sich um jene Augenblicke der Rückkehr, in denen willentliche Bewegung sehr wohl möglich wäre. Die Frage aber ist, ob man überhaupt aus der anderen Welt zurückkehren will, indem man mit dem Kopf wackelt oder mit dem kleinen Finger. Und dieser Wille kann wie gelähmt sein. In diesem Sinne sind kataleptische Erscheinungen auch jeder Aufstellung eines familiären Problembildes inhärent. Der Klient selbst merkt das, und Repräsentanten können dieses Phänomen oft deutlich wahrnehmen und rückmelden. Sie nehmen aber ebenso in der Tiefe wahr, wo Bewegung möglich wäre und in welche Richtung sie not-wendig ginge. Der Klient erhält spiegelbildlich wertvolle Hinweise auf eigene innere Prozesse, wenn es dem Leiter der Aufstellung gelingt, die ideomotorischen Reaktionen der Repräsentanten wahrzunehmen, ihnen zu folgen und sie zu entfalten. Ideomotorische Reaktionen sind äußerlich erkennbare Hinweise auf der Ebene unbewußten Mikroverhaltens. Es handelt sich insbesondere um automatische Minimalbewegungen, Veränderungen im Ausdrucksverhalten und vielfältige äußere Erscheinungen vegetativer Zustandsänderungen (Wärme- und Kälteempfindungen, Hautdurchblutung, Speichelfluß, Verdauungsgeräusche etc.). Die ideomotorischen Reaktionen sind dabei lediglich Ausdrucksformen innerer ideodynamischer Prozesse, die sich auf Gefühle, Empfindungen und Kognitionen beziehen. Hier spielt die auch in der Hypnotherapie grundlegende Erkenntnis eine Rolle, daß jeder inneren Bewegung ein äußeres Korrelat entspricht. Auch wenn die Jahre vergehen und die Haare ergrauen, so ist es doch die Seele, die fremden Schicksalen in kindlich sühnender Liebe verhaftet bleibt. Das Herz kommt nicht in der Gegenwart an. Irgendwie vergeht die Zeit in regressiver Dauertrance. Man mag das auch als eine Version von Selbsthypnose bezeichnen, in der die Altersregression zum prägenden Umstand auch des Alltagslebens wird. Dabei bezieht sich der Begriff der Regression keineswegs ausschließlich auf die Zeitlinie der eigenen Biographie. Systemische Verstrickungen befördern die Regression über die eigene Zeit hinaus, über vergangene Generationen hinweg bis zu jenem Punkt, an dem die Wunde im System klafft. Dort läßt sich, um im Bild zu bleiben, die Kinderseele in assoziierender Verschmelzung nieder. Sie steigt hinein in das Leid der Ahnen, identifiziert sich mit früherem Schicksal und aktiviert es in der Gegenwart. So bekommt Vergangenes über Gegenwärtiges seine unheilvolle Macht und zwingt die eigene Gegenwart in die Dissoziation, in die Abspaltung. Das Leben ist dort, und ich bin hier. Das mag das Lebensgefühl des Betreffenden sein. Auch die Projektion einer eigenen lebensfördernden Zeitlinie in die Zukunft hinaus muß unter diesen Umständen Stückwerk bleiben. Die Seele in ihrer Verstrickung ist auf die Vergangenheit gerichtet, verzerrt sie ins Übermächtige und halluziniert die Wiederkehr des Schmerzes und der Entsagung in die Gegenwart und die Zukunft hinein. Der Begriff der Halluzination kann hier korrekt im klinischen Sinne genommen werden: Wahrnehmungen ohne Objekt. Wie im täglichen Leben, so kann man auch in Aufstellungen erleben, wie Gegebenheiten wahrgenommen werden, die nicht sind (positive Halluzination) und Umstände, die sind nicht in die Wahrnehmung gelangen (negative Halluzination). Dies ist z. B. der Fall, wenn in einer Aufstellung die Mutter den Sohn liebevoll anschaut, und der Sohn diese Liebe "nicht nehmen kann". In einem Akt hochwirksamer Trance bzw. Selbsthypnose wird dann weggeschaut, die Augen werden geschlossen, die Liebe wird weghalluziniert. In das lächelnde Gesicht der Mutter wird hingegen der Schmerz früher Verletzungen hineingesehen. Ganz so, als läge in dem, "was sich zeigt" (die Liebe), die Gefahr eines großen Verlustes. Hellingers Interventionen an diesem Punkt zielen darauf ab, die Trance zu unterbrechen, den Klienten nach außen zu orientieren, damit er tatsächlich das Gegenwärtige wahrnehmen kann. Dabei spielt der Augenkontakt eine entscheidende Rolle. "Schau deiner Mutter in die Augen"- könnte hier der enthypnotisierende Satz lauten. Aus der kognitiven Verhaltenstherapie kennt man den Begriff der "kognitiv-emotionalen Dissonanz". In der verhaltenstherapeutischen Begrifflichkeit bedeutet das, daß im therapeutischen Prozeß selbstschädigende Überzeugungen modifiziert und verändert werden. Dies beinhaltet aber bei weitem noch nicht, daß sich damit auch sofort die emotionale Befindlichkeit grundlegend und dauerhaft geändert hat. Vielmehr muten in der Regel die neuen Überzeugungen und Verhaltensweisen zunächst befremdlich an, weil sie im Widerspruch zu den weiter vorhandenen, lebenslang eingeübten emotionalen Mustern stehen. Diese emotionalen Muster verändern sich erst, wenn die Integration neuer Denk- und Verhaltensformen voranschreitet, indem neue Alltagserfahrungen möglich werden. In Bezug auf das Lösungsbild in Aufstellungen kann es zweckvoll sein, den Begriff der kognitiv-emotionalen Dissonanz umzukehren in "emotional-kognitive Dissonanz". Die Auflösung systemischer Verstrickungen und das "Nehmen der Eltern" setzen emotionale Energien frei, die im weiteren Verlauf alltäglich umgemünzt werden können in lebensfördernde Überzeugungen und Interaktionen. Der Klient lässt sich durch seine veränderte Familien- und Beziehungslandkarte im Leben begleiten und verabschiedet sich in zunehmenden Maße von seinen über die Jahrzehnte verfestigten, wenig zielführenden Denk- und Handlungsmustern. Hypnotherapeutisch umschrieben: Der Abschied von der symptomatischen Alltagstrance wird zur realen Möglichkeit. Die Tür steht offen. Man muß durch sie durchgehen. An dieser Stelle bekommt das einmalige Erlebnis der Aufstellung und der Begriff der "Kurzzeittherapie" eine andere Dimension: Es handelt sich eigentlich um eine eigenverantwortlich praktizierte Langzeittherapie, in der über Musterunterbrechung ein neuer innerer Kontakt zu den Menschen und den Dingen des Lebens entsteht. Dabei ist es notwendig, sich sozusagen in "therapeutsicher Trance" das Lösungsbild immer wieder zu vergegenwärtigen, es anzureichern, um auf neue Weise verantwortungsvoll und liebevoll an sich und andere zu denken. Dabei wird es häufig sinnvoll sein, weiterhin therapeutische Begleitung in Anspruch zu nehmen. Mit den Worten des Entwicklungspsychologen Erik Erikson geht es dabei um Integrität: Integrität bedeutet die Annahme des eigenen Lebens und eine neue Liebe zu den Eltern, frei "von dem Wunsch, sie möchten anders gewesen sein als sie waren". Als Alternative dazu sieht E. Erikson letztlich nur "Verzweiflung und Lebensekel". Unter den Aspekten "therapeutische Trance" und "Musterunterbrechung" kann man auch den Prozeß der Familienaufstellung insgesamt betrachten. Problemzustände und entsprechende Problembilder bewirken meist, daß der Klient in ihnen in einem solchen Maße assoziiert und gefangen ist, daß emotionaler Abstand (Dissoziation) unmöglich wird. Da aber die Struktur der Lösung immer ungleich der Struktur des Problems ist, wird der Wechsel in einen anderen Bezugsrahmen notwendig. Hier liegt ein entscheidender Vorteil des Aufstellungsverfahrens. Nachdem der Klient sein Bild gestellt hat, kann er als Beobachter des Geschehens am Rande sitzen bleiben. Er befindet sich in einer Art "Metaposition". Wie ein Zuschauer erlebt er sein Problem jetzt dissoziiert und kann wahrnehmen, wie die Repräsentanten den Erlebnisrahmen wechseln, einen Weg hin zur Lösung erfühlen, ertasten und stellvertretend anbahnen. Ist ein bestmögliches Lösungsbild erreicht, so wird der Klient wieder an die Stelle seines Stellvertreters gestellt und kann jetzt alle ressourcevollen Möglichkeiten assoziiert erleben, von denen er im Problem dissoziiert war. Die Assoziations-Dissoziations-Vertauschung ist auch für die Auflösung von Verstrickungen selbst wesentlich. Insbesondere Identifikationen und Nachfolgedynamiken sind durch assoziierende Verschmelzungserlebnisse gekennzeichnet. Der identifizierte Klient steht im Problembild nicht auf dem ihm gemäßen Platz, sondern tendiert hin zu dem Ort, an dem die betreffende andere Person steht. Der Fluß der kindlichen Liebe dissoziiert ihn von sich selbst und treibt ihn hinein in die Assoziation mit einer fremden Person. In der therapeutischen Arbeit erfährt dieser hypnotische Prozeß seine Umkehrung durch enthypnotisierende Interventionen, die sich auf verschiedene Wahrnehmungssysteme beziehen. Man könnte den Vorgang als visuell-kinästhetisch-auditive Dissoziation bezeichnen. In der Praxis sieht das so aus: Kinästhetisch: Stephen Gilligan fragte in einem Interview einmal Milton Erickson, wie er wissen könne, was in der Therapie als nächstes zu tun sei. Vorher hatte ihm Erickson offenbart, daß er während der therapeutischen Arbeit keinerlei innere Bilder habe, daß er auch keine inneren Monologe führe, und daß er noch nicht einmal Gefühle oder Empfindungen habe. Antwort von Erickson: "Ich weiß es nicht... Ich weiß nicht, was ich als nächstes tun werde, ich weiß nicht, was ich sagen werde... ich weiß nur, daß ich darauf vertraue, daß mein Unbewußtes mir das passende ins Bewußtsein legt... Und ich weiß nicht, wie die Patienten reagieren werden...Ich weiß nur, sie werden reagieren...Und ich weiß nicht, warum...Ich weiß nur, daß sie in geeigneter Weise reagieren werden, so, wie es für das Individuum am besten paßt. Und ich bin gefesselt von der Frage, wie ihr Unbewußtes sich entscheiden wird zu reagieren. Und so erwarte ich in aller Ruhe ihre Reaktion, weil ich weiß, daß ich sie, wenn sie eintritt, annehmen und nutzbar machen kann. Nun, ich weiß, daß das lächerlich klingt...ABER ES FUNKTIONIERT." |
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