Hypnosystemisches trifft Familienstellen

  Martin Bender  
             
     
von Martin Bender
Systemischer Familientherapeut
Lehrtherapeut NLPt (HPG)
Heilpraktiker für Psychotherapie
 
             
 
             
  Dieser Artikel erschien im Fachmagazin für Complementär-Medizin Co'Med, Ausgabe Nr. 1, 2001, und wird mit Erlaubnis des Autors auf www.hpz.com in elektronischer Form veröffentlicht.        
             
 

Mancherorts glaubt man noch daran: Wo ein Körper ist, kann nicht gleichzeitig ein zweiter sein. Das mag für die Belange der Physik zutreffen. Jede Autokarambolage beweist das. Integration ist hier unmöglich. Schon der Versuch kommt teuer. Wenig nützlich ist es, wenn diese Überzeugung metaphorisch auf die Gebiete von Therapie und Psychotherapie übertragen wird. Hier hat das, was wirkt - die Wirklichkeit eben - viele Väter und Mütter. Oft scheinen sich gerade psychotherapeutische Ansätze diametral zu widersprechen und gar zu kollidieren. Bei Lichte besehen fällt aber das, was da kollidiert, in eins. Der Unterschied liegt in den Wirkfaktoren, mit denen gearbeitet wird. Die Faktoren mit denen Bert Hellinger umgeht, begründen kein in sich geschlossenes neues therapeutisches System. Seine Arbeit schöpft aus den Ressourcen derer, die schon da waren, und die da sind. Sie ist gedacht für all jene, die ihren Blick hinaus ins "Weite Feld des Systemischen" ausdehnen möchten. Und manche halten in unserer Zeit diesen Blick für unverzichtbar, wenn es darum geht, daß die Dinge ihren guten Platz finden.


Von denen, die früher da waren...

In der Sozialpsychologie und der Psychotherapie spielt traditionell die Frage eine Rolle: Was geht vor sich, wenn Menschen an Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen denken? Wie sind psychosoziale Erfahrungen und Erlebnisweisen im Bewußtsein und Unterbewußtsein strukturiert? In der Sozialpsychologie steht für diese Fragestellung vor allem Kurt Lewin mit seiner Theorie der sozialen Felder und die Soziometrie mit der Entwicklung von Soziogrammen. In der Psychotherapie beschäftigen sich mit der Struktur und Veränderung sozialer Erfahrungen vor allem das Psychodrama von J. Moreno und verschiedene familientherapeutische Schulen. Zu denken ist hier insbesondere an die Familienskulpturen Virginia Satirs und die Organisationsschemata der strukturellen Familientherapie Salvador Minuchins.

Einen gemeinsamen Ansatzpunkt bei der Beantwortung haben alle gefunden: Menschen scheinen ihre sozialen Erfahrungen mit Hilfe räumlicher Vorstellungen zu strukturieren. Es handelt sich um Bildvorstellungen, die im Erfahrungshintergrund bleiben und nur unbewußt wirksam werden. Familienbeziehungen und andere zwischenmenschliche Beziehungen werden sozusagen seelisch verortet, indem die signifikanten Personen bestimmte Plätze im mentalen Raum einnehmen. In der inneren Vorstellung (Repräsentation) entsteht ein Beziehungsgeflecht, dessen Struktur unmittelbaren Einfluß auf die emotionalen Qualitäten hat, mit denen Beziehungen erlebt werden. Richtung und Entfernung scheinen dabei die wesentlichen Kriterien für unterschiedliche Erlebnisweisen zu sein. Auf eine Kurzformel gebracht, kann die entsprechende Grundannahme lauten: Beziehung gleich Verortung.

Diese These von der sozialen Symbolik des Raumes findet auch im alltäglichen Sprachgebrauch ihre Entsprechung. Soziale Beziehungen sind ein Ausdruck dessen, wie Menschen "zueinander stehen". Die jeweiligen "Standpunkte" werden gewöhnlich beschrieben mit Wörtern wie neben, unter, über, nah, fern, niedrig, hoch, übergeordnet, untergeordnet, überlegen etc. Vieles deutet darauf hin, daß es sich bei solchem Sprachgebrauch nicht nur um leere methaphorische Redeweisen handelt, sondern daß der jeweils gewählte Begriff die konkrete, emotional bedeutungsvolle Verortung einer Beziehung spiegelt. Wer Psychotherapie oder Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger betreibt, der weiß, daß derjenige, der "nahe steht", auch nahe gestellt wird. Oder da stimmt etwas nicht im Sinne der systemischen Ordnung.


...zum Familienstellen Bert Hellingers

Bert Hellingers Aufstellungsarbeit ist die jüngste familientherapeutische Entwicklung, die sich die Grundannahme "Beziehung gleich Verortung" zu eigen macht. Hierzu ein Beispiel und ein Experiment. Beispiel: Mirko ist 7 Jahre alt. Seit einem Jahr ist er Scheidungswaise. Er lebt bei seiner Mutter. Der Vater hatte eine außereheliche Beziehung, und die Trennung erfolgte auf Wunsch der Mutter. Mirko äußert sich zur Situation folgendermaßen: "Mein Papa ist gemein. Er hat jetzt eine neue Frau. Die ist doof. Bloß wegen der sind wir jetzt geschieden. Und jetzt kriegt sie auch noch ein Baby. Mit dem bin ich später verwandt. Aber das will ich nicht sein. Wenn ich groß bin, wandere ich aus. Dann nehme ich meine Mama mit und baue ihr ein Haus und kaufe ihr schöne Kleider und einen Hut und mache ihr eine Schaukel in den Garten. Dann lacht sie. Meine Mama ist ganz toll. Darum kann ich den Papa nicht mehr leiden."

Experiment:

  1. Schließen Sie Ihre Augen. Schauen Sie jetzt durch Mirkos Augen auf seine Familie (Vater, Mutter, zweite Frau des Vaters, das ungeborene Baby). Achten Sie darauf, zu welchem Beziehungsbild sich diese Personen verorten. Wie sind die Entfernungen? Wer wendet sich wem zu? Wer kehrt wem den Rücken? Wer schaut wohin?

  2. Projizieren Sie Ihr Bild in den Raum. Stellen Sie für jede Person symbolisch einen Stuhl auf. Auch für Mirko. Die Sitzflächen entsprechen der Blickrichtung.

  3. Gehen Sie der Reihe nach durch alle Positionen. Fangen Sie an Mirkos Platz an. Achten Sie an jedem Platz auf Ihre Gefühle und Körperempfindungen. Wo zieht es Sie hin? Wo halten Sie es kaum aus? Wo wird es Ihnen kalt/heiß? Wo müssen Sie schlucken? etc. Verändern Sie noch nichts an den Positionen. Nehmen Sie lediglich wahr, was sich zeigt.

  4. Probieren Sie: Stellen Sie die Stühle nach und nach mit dem Ziel um, daß es jeder symbolisierten Person besser geht. Jeder Beteiligte an den für ihn bestmöglichen Platz. Verändern Sie zu diesem Zweck die Entfernungen und die Blickrichtungen. Gehen Sie dabei immer wieder durch die Positionen und testen Sie die Lösungen.


Haben Sie in Ihrem Lösungsbild einen guten Platz für jeden gefunden? Vergessen Sie nicht: Allen Beteiligten muß es dabei besser gehen. Oder hat es hinten und vorne geklemmt in dem Sinne, daß immer einer herausgefallen ist?

Zu welcher Lösung Sie auch gelangt sein mögen, es waren Ihre ersten Schritte, und Sie haben Erfahrungen gesammelt: Wie "gut" kann eine Lösung eigentlich sein? Darüber hinaus haben Sie einen ersten Eindruck davon erhalten, worum es in Hellingers Arbeit geht. Ein inneres dysfunktionales und problematisches Beziehungsbild wird in den Raum gestellt und so lange verändert, bis sich eine bestmögliche Lösung zeigt. Dieses Lösungsbild wird wieder aufgenommen und kann in der Seele seine Wirkung entfalten. Das eigentlich Entscheidende und Neue an der Aufstellungsarbeit aber ist, daß Hellinger die "gute Lösung" anhand von Kriterien sucht, die für ihn grundlegend für zwischenmenschliche Beziehungen sind. Er spricht von Bindung, Ordnung und Ausgleich. Die Art, wie diese Bedingungen in der Herkunftsfamilie realisiert sind, entscheidet darüber, welches innere Beziehungsbild der Betreffende durch sein Leben trägt. Die Struktur dieser inneren Repräsentationen ist nicht nur eine Angelegenheit des Gehirns. Auch der Körper hat sein Gedächtnis, so daß jede Zelle dieses Programm in sich trägt. Es entsteht im wahrsten Wortsinne ein "eingefleischtes" Beziehungsprogramm. Mögen "eingefleischte Junggesellen" zuweilen Hochzeitsphantasien entwickeln, ihr "Fleisch" wird schließlich alles so organisieren, daß die Dinge laufen, wie sie laufen. Hellinger meint diesbezüglich, daß der Mensch ein tragisches Wesen sei: Er entscheidet zu einer Zeit über sein Leben, in der er noch nichts über das Leben weiß. Das Geflecht von Bindung, Ordnung und Ausgleich in der Herkunftsfamilie gibt den Prototyp dafür ab, was wir später für normal und möglich halten. Wir reproduzieren in der eigenen Familie und anderen sozialen Beziehungen analoge Strukturen. In den Gegenwartsbeziehungen aktualisiert sich weitgehend ein inneres Bild, das keineswegs aus diesen Beziehungen selbst resultiert. Es ist, als schritte der Mensch in einer Art Problemtrance über die Welt hinweg, ohne sich wirklich mit ihr zu verbinden. So entfaltet die Vergangenheit ihre Macht über die Gegenwart.

Bert Hellinger selbst hat von vielen Meistern gelernt. Einer davon war Milton Erickson, der als Begründer der modernen Hypnotherapie gilt. Von ihm stammt die hoffnungsfrohe Bemerkung, daß es nie zu spät sei, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben. Dieser Satz gewinnt seine Sinnhaftigkeit daraus, daß die Personen, die im Leben eine Rolle spielen, im Inneren der Seele wohnen und dort wirken. Die äußeren Personen sind nur die Stellvertreter dieser inneren Gäste. Tatsächlich geht es in Hellingers Arbeit dann auch darum, jedem Gast seinen würdigen Platz in der eigenen Seele zu geben, einen "eingefleischten Platz" - es geht darum, niemanden auszuschließen, gering zu schätzen oder das zu verachten, was er als Gastgeschenk mitgebracht hat. Und manchmal sind gerade die bittersten Gaben die wertvollsten.


Familienstellen als hypnosystemischer Prozeß

Für die Hypnotherapie ist es kennzeichnend, daß Trancezustände für therapeutische Veränderungen genutzt werden. Unter Trance im engeren Sinne kann man jene Zustände verstehen, die dem vagen Stadium zwischen Wachen und Schlafen ähnlich sind. Die Aufmerksamkeit ist ganz nach innen fokussiert, und die kognitiven Schemata geraten außer Kraft. Vorbewußte Inhalte werden emporgespült, und das Unbewußte entfaltet seine Symbolik. In der therapeutisch genutzten Trance können Ressourcen und Möglichkeiten aktiviert werden, die sonst nicht erreichbar sind, weil die eingeschliffenen Muster der Alltagsbewältigung den Weg versperren. Eine Erweiterung des Trancebegriffes schließt das Phänomen der "Alltagstrance" mit ein. Es handelt sich dabei um Tranceepisoden, die in den Wachzustand eingestreut sind. Die Aufmerksamkeit ist in hohem Maße von äußeren Geschehnissen abgezogen und auf innere Erlebnisprozesse und Gedanken ausgerichtet. Es können dies jene Augenblicke sein, in denen wir unsere grandiosesten Einfälle haben, oder in denen uns die übelsten Spukgestalten der Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart heimsuchen. Alltagstrancen treten z. B. häufig bei längeren Autofahrten auf. Wer hat nicht schon Kilometer für Kilometer heruntergespult, ohne im geringsten wahrzunehmen, wo er sich eigentlich gerade befindet in dieser Welt. Man findet sich dann wieder in jener anderen Welt der Erinnerungen, der Phantasien, der Tagträumereien. Manche Leute laufen in diesem Zustand bevorzugt gegen Laternen und wechseln dann abrupt die Erlebnisebene. Auch wenn einer eine Geschichte erzählt, seine eigene Geschichte gar, kann er in solch tiefe Trance geraten, daß er nicht mehr weiß, ob er noch Zuhörer hat. Angelegentlich werden die Phasen des Lidschlusses deutlich länger und länger. Ein sicheres Zeichen dafür, daß der Betreffende nicht mehr anwesend ist. Das Wesen hat sich davongemacht in sein Märchenland.

Wenn man Trancezustände auf ihre Merkmale hin untersucht, dann zeigen sich immer wiederkehrende Phänomene, die spontan auftreten. Diese Trancephänomene können aber auch bewußt therapeutisch genutzt werden, um gewünschte Wirkungen zu erzielen, oder unerwünschtes Verhalten zu verändern.

In der Hypnotherapie kennt man u.a. folgenden Erscheinungen:

  • Altersregression/Altersprogression

  • Amnesie/Hypermnesie

  • Positive und negative Halluzinationen

  • Assoziation/Dissoziation

  • Zeitverzerrung

  • Katalepsie

  • Ideomotorische Reaktionen

  • Trancelogik


Das Familienstellen lässt sich insofern als hypnosystemischer Prozeß beschreiben, als diese Trancephänomene sowohl spontan auftreten, als auch in den therapeutischen Interventionen zum Ausdruck kommen. Diesbezüglich kann man den Aufstellungsablauf insgesamt etwa folgendermaßen fassen:

  1. Aktivierung der Symptomtrance im Problembild des Klienten

  2. Enthypnotisierung durch Stellungsarbeit und Prozeßarbeit in Form von rituellen Sätzen und Handlungen

  3. Entfaltung der therapeutischen Trance im Lösungsbild u.a. durch Assoziation des Klienten in ressorucevolle Beziehungsmuster




Das Ausgangsbild des Klienten als Symptomtrance

Als Symptomtrance werden in der Hypnotherapie jene Zustände bezeichnet, in denen der Klient in einem Maße auf innere Wahrnehmungsprozesse ausgerichtet ist, daß er den Kontakt zur gegebenen Realität verliert. Selbstbeschränkende und selbstzerstörerische Repräsentationen (Vorstellungsmuster) schieben sich zwischen das Subjekt und die Welt. Sie verhindern eine angemessene Realitätsprüfung. Das "Wahrnehmen, was wirkt" wird unmöglich, und die "heilsame Kraft der Wirklichkeit" kann nicht erreicht werden. Es handelt sich um eine Art hypnotische Eigendrehung, eine Weltlosigkeit, die das Mitschwingen mit sich selbst, mit den Menschen und den Gegebenheiten des Lebens verhindert. In der Sprache der Hypnotherapie handelt es sich um eine "dysfunktionale Dissoziation" , deren Inhalt ein gründlich gestörter Rapport zum Leben ist. Der Lebenstanz mißlingt zum Stolpern. So zeichnen sich Symptomtrancen aus durch den Verlust an Flexibilität und ein Erstarren in sich wiederholenden, kognitiven und somatisierten Mustern. Diese Befindlichkeit kann an das heranreichen, was man klinisch als Katalepsie bezeichnet: Die Hemmung freiwilliger Bewegung.

Wer Meditation oder tiefe Entspannung kennt, weiß, was damit gemeint ist. Es handelt sich um jene Augenblicke der Rückkehr, in denen willentliche Bewegung sehr wohl möglich wäre. Die Frage aber ist, ob man überhaupt aus der anderen Welt zurückkehren will, indem man mit dem Kopf wackelt oder mit dem kleinen Finger. Und dieser Wille kann wie gelähmt sein. In diesem Sinne sind kataleptische Erscheinungen auch jeder Aufstellung eines familiären Problembildes inhärent. Der Klient selbst merkt das, und Repräsentanten können dieses Phänomen oft deutlich wahrnehmen und rückmelden. Sie nehmen aber ebenso in der Tiefe wahr, wo Bewegung möglich wäre und in welche Richtung sie not-wendig ginge. Der Klient erhält spiegelbildlich wertvolle Hinweise auf eigene innere Prozesse, wenn es dem Leiter der Aufstellung gelingt, die ideomotorischen Reaktionen der Repräsentanten wahrzunehmen, ihnen zu folgen und sie zu entfalten. Ideomotorische Reaktionen sind äußerlich erkennbare Hinweise auf der Ebene unbewußten Mikroverhaltens. Es handelt sich insbesondere um automatische Minimalbewegungen, Veränderungen im Ausdrucksverhalten und vielfältige äußere Erscheinungen vegetativer Zustandsänderungen (Wärme- und Kälteempfindungen, Hautdurchblutung, Speichelfluß, Verdauungsgeräusche etc.). Die ideomotorischen Reaktionen sind dabei lediglich Ausdrucksformen innerer ideodynamischer Prozesse, die sich auf Gefühle, Empfindungen und Kognitionen beziehen. Hier spielt die auch in der Hypnotherapie grundlegende Erkenntnis eine Rolle, daß jeder inneren Bewegung ein äußeres Korrelat entspricht.

Wenn Bert Hellinger von systemischen Verstrickungen spricht, dann redet er von Identifikationen, Nachfolgedynamiken und Übernahme von Schuld und Schicksal. In Aufstellungen wird offenbar, daß es sich dabei um Wege handelt, die sich die kindlich blinde Liebe sucht, um dazugehören zu dürfen. Zugehörigkeit ist das zentrale Bedürfnis und die vorrangige Not-wendigkeit der Seele des Kindes. Daraus folgt die Tendenz, sich dieser Zugehörigkeit zum familiären System und des Geliebtwerdens zu versichern, indem fremdes Leid übernommen wird mit der Phantasie, für andere Menschen zu sühnen und sie zu retten. Ich mache es für dich, - ich trage es für dich, sagt das Herz des Kindes. Und die Opferbereitschaft ist groß, größer denn auch als die Möglichkeit und Bereitschaft zur Fortschreibung und förderlichen Gestaltung des eigenen Lebens.

Auch wenn die Jahre vergehen und die Haare ergrauen, so ist es doch die Seele, die fremden Schicksalen in kindlich sühnender Liebe verhaftet bleibt. Das Herz kommt nicht in der Gegenwart an. Irgendwie vergeht die Zeit in regressiver Dauertrance. Man mag das auch als eine Version von Selbsthypnose bezeichnen, in der die Altersregression zum prägenden Umstand auch des Alltagslebens wird. Dabei bezieht sich der Begriff der Regression keineswegs ausschließlich auf die Zeitlinie der eigenen Biographie. Systemische Verstrickungen befördern die Regression über die eigene Zeit hinaus, über vergangene Generationen hinweg bis zu jenem Punkt, an dem die Wunde im System klafft. Dort läßt sich, um im Bild zu bleiben, die Kinderseele in assoziierender Verschmelzung nieder. Sie steigt hinein in das Leid der Ahnen, identifiziert sich mit früherem Schicksal und aktiviert es in der Gegenwart. So bekommt Vergangenes über Gegenwärtiges seine unheilvolle Macht und zwingt die eigene Gegenwart in die Dissoziation, in die Abspaltung. Das Leben ist dort, und ich bin hier. Das mag das Lebensgefühl des Betreffenden sein. Auch die Projektion einer eigenen lebensfördernden Zeitlinie in die Zukunft hinaus muß unter diesen Umständen Stückwerk bleiben. Die Seele in ihrer Verstrickung ist auf die Vergangenheit gerichtet, verzerrt sie ins Übermächtige und halluziniert die Wiederkehr des Schmerzes und der Entsagung in die Gegenwart und die Zukunft hinein.

Der Begriff der Halluzination kann hier korrekt im klinischen Sinne genommen werden: Wahrnehmungen ohne Objekt. Wie im täglichen Leben, so kann man auch in Aufstellungen erleben, wie Gegebenheiten wahrgenommen werden, die nicht sind (positive Halluzination) und Umstände, die sind nicht in die Wahrnehmung gelangen (negative Halluzination). Dies ist z. B. der Fall, wenn in einer Aufstellung die Mutter den Sohn liebevoll anschaut, und der Sohn diese Liebe "nicht nehmen kann". In einem Akt hochwirksamer Trance bzw. Selbsthypnose wird dann weggeschaut, die Augen werden geschlossen, die Liebe wird weghalluziniert. In das lächelnde Gesicht der Mutter wird hingegen der Schmerz früher Verletzungen hineingesehen. Ganz so, als läge in dem, "was sich zeigt" (die Liebe), die Gefahr eines großen Verlustes. Hellingers Interventionen an diesem Punkt zielen darauf ab, die Trance zu unterbrechen, den Klienten nach außen zu orientieren, damit er tatsächlich das Gegenwärtige wahrnehmen kann. Dabei spielt der Augenkontakt eine entscheidende Rolle. "Schau deiner Mutter in die Augen"- könnte hier der enthypnotisierende Satz lauten.


Das Lösungsbild als therapeutische Trance

Das Ziel von Familienaufstellungen ist es, den Klienten aus der Symptomtrance herauszuführen, um ihm im Lösungsbild ein Erlebnis dessen zu vermitteln, was an Ressourcen zur Verfügung steht, wenn es ihm gelingt, den Weg der erwachsenen Liebe zu finden, anstatt sich der kindlich blinden Form der Liebe zu überlassen. Solche lösungs- und ressourcenorientierte Trancezustände werden in der Hypnotherapie als therapeutische Trance bezeichnet. Der Klient lässt das Lösungsbild in seiner Seele wirken und leitet damit Veränderungsprozesse in der Bewältigung des täglichen Lebens ein. Im Lösungsbild erfährt er das, was man in der Psychotherapie eine "korrigierende emotionale Erfahrung" nennt. Diese Erfahrung steht jedoch nicht am Ende sondern am Anfang des heilsamen Perspektivenwechsels. Es wäre naiv zu glauben, daß im Sinne von "Ich habe jetzt meine Aufstellung hinter mir" alle Arbeit getan sei.

Aus der kognitiven Verhaltenstherapie kennt man den Begriff der "kognitiv-emotionalen Dissonanz". In der verhaltenstherapeutischen Begrifflichkeit bedeutet das, daß im therapeutischen Prozeß selbstschädigende Überzeugungen modifiziert und verändert werden. Dies beinhaltet aber bei weitem noch nicht, daß sich damit auch sofort die emotionale Befindlichkeit grundlegend und dauerhaft geändert hat. Vielmehr muten in der Regel die neuen Überzeugungen und Verhaltensweisen zunächst befremdlich an, weil sie im Widerspruch zu den weiter vorhandenen, lebenslang eingeübten emotionalen Mustern stehen. Diese emotionalen Muster verändern sich erst, wenn die Integration neuer Denk- und Verhaltensformen voranschreitet, indem neue Alltagserfahrungen möglich werden.

In Bezug auf das Lösungsbild in Aufstellungen kann es zweckvoll sein, den Begriff der kognitiv-emotionalen Dissonanz umzukehren in "emotional-kognitive Dissonanz". Die Auflösung systemischer Verstrickungen und das "Nehmen der Eltern" setzen emotionale Energien frei, die im weiteren Verlauf alltäglich umgemünzt werden können in lebensfördernde Überzeugungen und Interaktionen. Der Klient lässt sich durch seine veränderte Familien- und Beziehungslandkarte im Leben begleiten und verabschiedet sich in zunehmenden Maße von seinen über die Jahrzehnte verfestigten, wenig zielführenden Denk- und Handlungsmustern. Hypnotherapeutisch umschrieben: Der Abschied von der symptomatischen Alltagstrance wird zur realen Möglichkeit. Die Tür steht offen. Man muß durch sie durchgehen. An dieser Stelle bekommt das einmalige Erlebnis der Aufstellung und der Begriff der "Kurzzeittherapie" eine andere Dimension: Es handelt sich eigentlich um eine eigenverantwortlich praktizierte Langzeittherapie, in der über Musterunterbrechung ein neuer innerer Kontakt zu den Menschen und den Dingen des Lebens entsteht. Dabei ist es notwendig, sich sozusagen in "therapeutsicher Trance" das Lösungsbild immer wieder zu vergegenwärtigen, es anzureichern, um auf neue Weise verantwortungsvoll und liebevoll an sich und andere zu denken. Dabei wird es häufig sinnvoll sein, weiterhin therapeutische Begleitung in Anspruch zu nehmen. Mit den Worten des Entwicklungspsychologen Erik Erikson geht es dabei um Integrität: Integrität bedeutet die Annahme des eigenen Lebens und eine neue Liebe zu den Eltern, frei "von dem Wunsch, sie möchten anders gewesen sein als sie waren". Als Alternative dazu sieht E. Erikson letztlich nur "Verzweiflung und Lebensekel".

Unter den Aspekten "therapeutische Trance" und "Musterunterbrechung" kann man auch den Prozeß der Familienaufstellung insgesamt betrachten. Problemzustände und entsprechende Problembilder bewirken meist, daß der Klient in ihnen in einem solchen Maße assoziiert und gefangen ist, daß emotionaler Abstand (Dissoziation) unmöglich wird. Da aber die Struktur der Lösung immer ungleich der Struktur des Problems ist, wird der Wechsel in einen anderen Bezugsrahmen notwendig. Hier liegt ein entscheidender Vorteil des Aufstellungsverfahrens. Nachdem der Klient sein Bild gestellt hat, kann er als Beobachter des Geschehens am Rande sitzen bleiben. Er befindet sich in einer Art "Metaposition". Wie ein Zuschauer erlebt er sein Problem jetzt dissoziiert und kann wahrnehmen, wie die Repräsentanten den Erlebnisrahmen wechseln, einen Weg hin zur Lösung erfühlen, ertasten und stellvertretend anbahnen. Ist ein bestmögliches Lösungsbild erreicht, so wird der Klient wieder an die Stelle seines Stellvertreters gestellt und kann jetzt alle ressourcevollen Möglichkeiten assoziiert erleben, von denen er im Problem dissoziiert war.

Die Assoziations-Dissoziations-Vertauschung ist auch für die Auflösung von Verstrickungen selbst wesentlich. Insbesondere Identifikationen und Nachfolgedynamiken sind durch assoziierende Verschmelzungserlebnisse gekennzeichnet. Der identifizierte Klient steht im Problembild nicht auf dem ihm gemäßen Platz, sondern tendiert hin zu dem Ort, an dem die betreffende andere Person steht. Der Fluß der kindlichen Liebe dissoziiert ihn von sich selbst und treibt ihn hinein in die Assoziation mit einer fremden Person. In der therapeutischen Arbeit erfährt dieser hypnotische Prozeß seine Umkehrung durch enthypnotisierende Interventionen, die sich auf verschiedene Wahrnehmungssysteme beziehen. Man könnte den Vorgang als visuell-kinästhetisch-auditive Dissoziation bezeichnen. In der Praxis sieht das so aus:

Kinästhetisch:
Der Klient (Repräsentant) wird neben oder vor denjenigen gestellt, mit dem er identifiziert ist. Das gibt ihm die Möglichkeit, sich körperlich (kinästhetisch) als getrennt zu erleben, als Gegenüber.

Visuell:
Der Klient (Repräsentant) schaut der anderen Person in die Augen und nimmt sie vielleicht erstmalig im Sinne einer wirklichen Be-gegnung wahr. In der Identifikation konnte ihm das nicht möglich sein. Der Andere kann in seiner persönlichen Schicksalhaftigkeit erkannt und anerkannt werden als eben jener Andere. Diese visuelle Wahrnehmung stabilisiert die Empfindung der eigenen Außengrenzen und wirkt damit auf die körperliche Empfindung zurück.

Auditiv:
Der Klient (Repräsentant) richtet an die andere Person deskriptive und rituelle Sätze. Deskriptive Sätze beschreiben die Wirklichkeit und heben die assoziierende Symptomtrance auf. Beispiel: "Du bist der Onkel - ich bin dein Neffe" und in der Zufügung ggf. : "Wir zwei beide".
Rituelle Sätze knüpfen an innere Prozesse an und verstärken sie: "Lieber Onkel, ich hätte dich so gerne kennengelernt. Schade." Das eigene subjektive Erleben wird auf diese Weise in den Vordergrund gestellt. Damit wird emotionale Begegnung möglich und kreisläufige Prozesse zwischen getrennten Individuen werden befördert.


In dem Maße, in dem es gelingt, diese therapeutische Dissoziation voranzubringen, treten heilende Halluzinationen hinzu und verstärken wiederum die Dissoziation. Auf diese Weise verschränken sich die hypnotischen Phänomene systemisch und bewirken die emotionale Lösung aus der Verstrickung. Unter heilenden Halluzinationen werden hier Wahrnehmungen verstanden, die die Anwesenheit einer Person Wirklichkeit werden lassen, ohne daß sie tatsächlich da ist. Der Klient (Repräsentant) empfindet einen Menschen als real, den er noch nicht einmal kennt. Gewöhnlich stellen sich auch ideodynamische Prozesse ein, die automatische Mikrobewegungen bewirken: Unwillkürlich breiten sich die Arme aus (zuerst nur im Ansatz) und das Gegenüber wird in lösender Umarmung gehalten. Die befreiende und sehende Liebe des Erwachsenen kann fließen. Sie macht dort Trennung möglich, wo kindliche Liebe zuvor in die Identifikation zwang.


In all dem wird deutlich, daß in Familienaufstellungen all jene kognitiven Raster sich in Auflösung befinden, die uns das Überleben in der alltäglichen Welt ermöglichen. Insbesondere das Raum-Zeit-Gefüge gerät im wahrsten Sinne des Wortes aus den Fugen, und logische Aspekte treten völlig in den Hintergrund. Es herrscht eine Art Trancelogik, in deren Verlauf die gewohnten Koordinaten für das, was wir gewöhnlich als Wirklichkeit konstruieren, keine Rolle mehr spielen. Ein anderer Begriff von Wirklichkeit scheint auf. Die Wirklichkeit wird zu dem, was in dem gegebenen Augenblick sich an Wirkungen wahrnehmbar zeigt. Wirklichkeit ist das, was wirkt.



Die Therapeutenhaltung in der Familienaufstellung

Die vorwiegend rezeptiv-wahrnehmende Haltung des Aufstellungsleiters bezieht sich auf eben jene Phänomene, in denen sich das zeigt, was in aufgestellten Systemen wirksam ist. Hellinger bezeichnet diese Haltung als "gesammeltes schauen" das immer dann möglich wird, wenn der Therapeut absichtslos ist und sich leer machen kann. Er muß sich frei machen von eigenen inneren Bildern und monologisierenden Gedanken. Die Aufmerksamkeit ist nach außen gerichtet und verbindet sich mit dem, was ist. Es ist dies ein Zustand weitestgehender Enthypnotisierung, der natürlich nicht nur in Familienaufstellungen relevant ist. Der große indische Weisheitslehrer Krishnamurti hat für diese Haltung den Begriff "in Kommunion sein" gefunden. Er versteht darunter "...ein unmittelbares Verhältnis zwischen Ihnen und dem, was Sie betrachten...es gibt keine Interpretation und kein Beteiligtsein,...ein erstaunliches Gefühl der Stille, eine besondere Achtsamkeit, die sich mühelos einstellt. ...Man kann in Kommunion sein mit einem Berg, mit einem Fluß, mit einem Menschen, mit der Bewegung des Lebens."

Stephen Gilligan fragte in einem Interview einmal Milton Erickson, wie er wissen könne, was in der Therapie als nächstes zu tun sei. Vorher hatte ihm Erickson offenbart, daß er während der therapeutischen Arbeit keinerlei innere Bilder habe, daß er auch keine inneren Monologe führe, und daß er noch nicht einmal Gefühle oder Empfindungen habe. Antwort von Erickson: "Ich weiß es nicht... Ich weiß nicht, was ich als nächstes tun werde, ich weiß nicht, was ich sagen werde... ich weiß nur, daß ich darauf vertraue, daß mein Unbewußtes mir das passende ins Bewußtsein legt... Und ich weiß nicht, wie die Patienten reagieren werden...Ich weiß nur, sie werden reagieren...Und ich weiß nicht, warum...Ich weiß nur, daß sie in geeigneter Weise reagieren werden, so, wie es für das Individuum am besten paßt. Und ich bin gefesselt von der Frage, wie ihr Unbewußtes sich entscheiden wird zu reagieren. Und so erwarte ich in aller Ruhe ihre Reaktion, weil ich weiß, daß ich sie, wenn sie eintritt, annehmen und nutzbar machen kann. Nun, ich weiß, daß das lächerlich klingt...ABER ES FUNKTIONIERT."

Wenn man Milton Erickson so reden hört, so sagt er längst nicht alles - aber man ahnt vieles auch von dem, was er über Bert Hellinger nicht wußte, weil dort, wo ein Körper ist, nicht gleichzeitig ein zweiter sein kann. Oder etwa doch?






Autor: Martin Bender, Lehrtherapeut NLPt (HPG) und Heilpraktiker für Psychotherapie.
Tätig als Familientherapeut in eigener psychotherapeutischer Praxis. Verbindet in seiner
Arbeit die Erkenntnisse und Vorgehensweisen Bert Hellingers mit den Möglichkeiten
der Hypnotherapie nach Milton H.Erickson und des NLP.
Erfahrungen und Ausbildungen in Hypnotherapie und NLP seit 1987. Seit 1994 Lehrtrainer
der GANLP und des DVNLP. Systemische Familientherapie (DFS) seit 1995.
Weiterbildung und Praxis im Familienstellen nach Bert Hellinger seit 1995.





Informationen unter:

Martin Bender
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D - 72793 Pfullingen

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Mobil: ( 0049) 0171-19 41 628
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