Der Schweizer Hörbuch-Verleger Alex Rusch schickt mir ein Rezensions-Exemplar seines DVD-Seminars über Web-Marketing, oder zumindest einen Teil davon, nämlich das Modul zum Thema “Audio”.
Das Programm ist, wie immer bei Rusch, professionell konfektioniert und verpackt sowie mit zwei Hochglanz-Broschüren versehen. Die Erwartungshaltung wird noch gesteigert, nachdem man die erste DVD eingelegt und das Intro über sich hat ergehen lassen. Zu fanfarenartiger Musik vernimmt der Zuschauer, dass Alex Rusch “eingekleidet wurde von der Firma XY”. Eine Fernsehstar-Allüre, die seltsam inkongruent anmutet, angesichts des doch eher kargen Aarauer Seminarraums, in dem die Aufzeichnung stattfand. Kann Rusch es sich vielleicht nicht leisten, seine Kleider selbst zu bezahlen? Er spricht ja gerne von “siebenstelligen Umsatzzahlen”, und ich kann mir den alten Unternehmensberater-Spruch nicht verkneifen: “Wer keine Gewinne erzielt, der prahlt mit Umsatz.”
Rusch verrät auch gleich zu Beginn des Programms, er habe auf einem Badetuch, das er zu jedem Seminar mitbringe, ein Mittagsschläfchen gehalten, das sei Teil des Rusch-Erfolgskonzepts. Sollte ich ihm verraten, dass diejenigen, die nicht nur Umsätze, sondern auch Gewinne erzielen, so etwas im Hotelzimmer zu tun pflegen?
Weiter kündigt die Fanfare an, dass es sich um einen Live-Mitschnitt mit drei Kameras handle. Man merke sich: Drei Kameras sind besser als zwei! Schon nach wenigen Minuten wird der Zuschauer sich wünschen, man hätte eine Kamera weniger und dafür ein Schnitt-Programm mehr eingesetzt. Bei solcher von außen her top-professionellen Aufmachung ist es nicht einzusehen, warum man sämtliche Peinlichkeiten ungeschnitten drin lässt, etwa wenn Alex Rusch minutenlang nach einem guten Beispiel sucht und es dann doch nicht findet.
Auf mich wirkt Rusch in Anbetracht seiner langen Seminar-Tätigkeit ungewohnt verkrampft, wenn nicht sogar ängstlich. Aber das ist selbstverständlich ein subjektiver Eindruck, den nicht jeder teilen wird. Rusch ist ja bereits viel länger auf dem Markt, als seinerzeit von mir prognostiziert, also muss er eine treue Fangemeinde haben, die sich sicher an meinen Seminaren genau so unwohl fühlen würde.
Nun aber doch noch etwas zum Inhalt: Wer über die bereits erwähnten, manchmal etwas konfirmandenhaft wirkenden Marotten hinweg sieht und auch Banalitäten entschuldigt, etwa wenn Rusch ein mobiles Aufnahmegerät mit den Worten erklärt “da können Sie so zu den Leuten hingehen und sagen ‘sag’ mal was’”, der wird in diesem Programm mit Sicherheit den einen oder anderen nützlichen Tipp finden, zumindest in dem Teil, den ich begutachten durfte.
Ich weiß, Rusch ist der Letzte, der mich um Rat fragt. Wenn er es täte, würde ich ihn zunächst einmal für seinen einzigartigen Durchhaltewillen und sein Gespür für Chancen loben. Während fast sämtliche deutschsprachigen Verleger den Hörbuch-Trend völlig verschliefen, witterte Rusch eine Marktnische und sicherte sich die Hörbuch-Rechte vieler Mega-Bestseller. Und dann würde ich ihm sagen, mit etwas mehr Authentizität und etwas weniger Hochglanz-Papier und anderem Schnickschnack käme er wesentlich besser über die Runden und könnte ausnahmsweise mal auf die nächste Aktienkapitalerhöhung verzichten.
