Arme Filmhochschul-Professoren!

Gestern haben Nany und ich uns den Film “The Hurt Locker” über Pay-per-View reingezogen. Poaaah, die Enttäuschung des Monats! Warum der so viele Oscars bekommen hat, ist mir ein Rätsel. Saufdünne Story, um nicht zu sagen “keine Story”, und vor allem lausige Kameraführung und amateurhafter Schnitt.

Seit einiger Zeit scheint in Hollywood eine neue Nachlässigkeit salonfähig zu werden, die den Besuch von Filmhochschulen überflüssig macht. Es wird nicht nur alles aus der Hand gefilmt, nein, man rüttelt noch absichtlich und unmotiviert mit der Kamera in der Gegend herum. All das, was man früher an Amateurfilmern kritisiert hat, wird jetzt zum Kult erhoben. Hat der Kameramann Lust, mal eben ruckartig den Zoom zu bewegen: Aber ja doch, mach’ ruhig; wir werden es als Stilmittel verkaufen! Und was die Kamera nicht kaputtmacht, das wird beim Schnitt noch besorgt. Mal eben einen Achssprung oder einen Anschlussfehler einbauen? Warum nicht, merkt ja eh’ keiner. Und die, die’s merken, zeichnen den Film noch aus für besonderen “Reality Touch” oder wie immer das Stichwort lautet für diese stümperhaften Machwerke.
Wenn die Storys schon nichts mehr bewegen, bewegen wir doch wenigstens die Kameras nach Herzenslust!

Arme Filmhochschul-Professoren, was wollt Ihr Euren Studenten in Zukunft noch beibringen?

6 Kommentare zu „Arme Filmhochschul-Professoren!“

  1. MichaelaNo Gravatar sagt:

    Lieber Hans-Peter,

    den erwähnten Film kenne ich nicht, aber ab und an bekomme ich über Bekannte “vom Fach” neue Filme zu sehen, und zwar aus verschiedenen Genres.

    Es tröstet mich sehr zu lesen, dass nicht nur mir diese ruckelige Diletantenoptik auf den Senkel geht. Es scheint tatsächlich zum Stilmittel erkoren worden zu sein, “Authentizität” und “Nähe” mit mangelhafter bzw. nicht vorhandener Handwerkskunst zu erzeugen.
    In wenigen Jahren werden wir diese Filme als “aus den Jahren 2009 – 2011″ erkennen, wie wir auch Filme aus den 80-ern und 90-ern an ihren typischen Kameraeinstellungen und Schnitttechniken identifizieren. Nur, dass man sich damals viel Mühe gemacht hat, Mängel, die es durch unausgereifte Technik oder Materialien gab, durch meisterhafte Filmtechniken auszugleichen.
    Nicht, dass es seinerzeit nicht auch jede Menge Murks gegeben hätte, aber der wurde nicht durch Oscars geadelt.
    Beste Grüße!

  2. Ralf LehnertNo Gravatar sagt:

    Was mich an den derzeitigen Filmen, egal ob im Fernsehen oder Kino, stört, sind die schnellen und “hektischen” Schnitte. Jede Szne wird durch zahlreiche Einstellungen durchschnitten, sodass die Kunst des Schauspiels kaum mehr zum Tragen kommt bzw. sich nicht mehr entwickeln kann und wohl auch kaum mehr nötig ist, denn die Macher vertrauen wohl eher auf vermeintlich technische Raffinesse.

    Man vergleiche die Länge der Einstellungen einmal mit denen älterer Filme, und seien es Edgar-Wallace- oder Kommissar-Episoden, wie sie auch auf youtube zu finden sind (z.B. http://www.youtube.com/watch?v=tUQLMp2R9Ng )

    Viele Grüße
    Ralf L.

  3. Hmm…
    Vorab: “The Hurt Locker” kenne ich nicht. Und habe nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben.

    Allgemein: Das Timing des Filmschnitts ist ein Stilmittel wie jedes andere. Es sollte zum Tempo und zum Charakter des Films passen und selbigen verstärken. Gerade bei Action-Filmen kann ein rasanter Schnitt sehr zum Tempo des Films beitragen; Pionierarbeit haben hier einige Prügelszenen aus “The Bourne Ultimatum”, dem dritten Film der Jason-Bourne-Reihe, geleistet. “The Hurt Locker” würde ich im weiteren Sinn unter “Action” einreihen – aber, wie gesagt, ich kenne ihn nicht.

    Allerdings sollte ein Stilmittel nie reinen Selbstzweck verkümmern oder nur deswegen eingesetzt werden, weil es gerade en vogue ist.

    Mein Lieblingsfilm aus der letzten Zeit ist übrigens “Moon” (Regie: Duncan Jones, Hauptrolle(n): Sam Rockwell – und wie!). Ein Film, in dem oberflächlich bzw. an der Außenseite wenig passiert. Und der auch entsprechend ruhig geschnitten ist.
    Aber unter der Oberfläche brodeln Vulkane!

    Gruß
    Ralf,
    genießt lange Kameraeinstellungen

  4. Noch ein Tipp für Freunde langer Kameraeinstellungen:
    “Caché” (Regie: Michael Haneke)

    Hier sind die machmal quälend langen Einstellungen Programm; mit Kurzschnitten würde der Film Inhalt, Aussage und strukturelle Spannung verlieren.

    Gruß
    Ralf

  5. KimNo Gravatar sagt:

    Schließe mich der Kritik an. Verstehe auch nicht, warum dieser Film so abgesahnt hat.

  6. So, nun war ich doch drin. Im Rahmen der Filmkunstwochen hat sich ein Münchner Kino erbarmt, “The Hurt Locker” noch einmal aus der Mottenkiste zu ziehen.

    Allerdings habe ich gefühlte 50% des Films geschlafen oder mit Morpheus gekämpft.

    Das lag aber nicht an exzessiven oder schlampigen Schnitten oder Wackelkamera – die Stilmittel fand ich sogar wohltuend sparsam eingesetzt! (Vielleicht bin ich von einigen Filmen der letzten Jahren bereits abgestumpft…)

    Nein, es lag am Thema! Der Film vermittelt mir, dass der Krieg im Irak mörderisch und sch***e ist und dass er nach dem Resonanzprinzip Adrenalin-Junkies anzieht.
    Schön. Wusste ich aber schon vorher. Warum sollte ich mir so was also ansehen?

    Von mir gibt es 4 von 10 Astronautenanzügen in der Wüstensonne.

    Demnächst werde ich vor einem Kinobesuch wieder auf meine Intuition hören. Und nicht auf die Zahl der Oscars.

    Gruß
    Ralf

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