In einem der letzten Blog-Beiträge habe ich Guttenberg in Schutz genommen und postuliert, man möge einen Titel nicht mit “Fähigkeit” gleichsetzen. Aber wie das so ist, wenn man einen messerscharfen Wassermann-Schütze-Verstand hat: Man sieht immer auch die andere Seite.
Heute habe ich mir diese Sendung aus der Reihe “Sternstunde Philosophie” angeschaut:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=1a0344d3-1597-4f6e-86fd-28c57d396aa4
Der Philosoph Julian Nida-Rümelin und die Juristin Anne Schwöbel diskutieren über das Pro und Contra des so genannten “Whistleblowing”. Das ist ein modernes Wort für “Petzen” oder “Denunzieren”. Das zur Zeit wohl bekannteste Whistleblowing-Portal dürfte Wikileaks sein. Es gibt meiner Meinung nach nicht nur zwei Seiten, sondern drei Aspekte, die man hier beleuchten muss:
- Die Wirkung solcher Portale auf unsere Ethik. Ich glaube, die ist, unabhängig von den Motiven der Whistleblower, eine gute. Wer heutzutage in der Öffentlichkeit steht, muss einfach wissen, dass er nicht schummeln darf. Denn von “ein bisschen schummeln” zu blühender Korruption ist es oftmals gar nicht so ein weiter Weg.
- Die absolute Transparenz. Wikileaks gewichtet ja seine Veröffentlichungen nicht nach Relevanz. Das bedeutet, die “persönliche Peinlichkeit” eines Diplomaten steht gleichwertig neben dem ausgewachsenen Korruptions-Skandal. Die Verantwortung dafür, auf welche Aspekte der Fokus gerichtet wird, obliegt also den klassischen Medien. Und die haben, wie wir wissen, einen Hang zum Skandalisieren. Der Konsument der kommenden Jahre wird also noch bessere Strategien entwickeln müssen, um sich eine eigene Meinung zu bilden.
- Die Persönlichkeit der Whistleblower. Die beiden Gesprächs-Teilnehmer im Video sind sich einig, dass die meisten Whistleblower “Getriebene” seien, mit neurotischen bis manischen Zügen. In einzelnen Fällen wird auch aus lauter Eigennutz gepetzt, etwa um einen Konkurrenten auszuschalten oder, wie im Fall mit den Steuersünder-CDs, einen Geldvorteil zu erwirken. Aber Julian Nida-Rümelin warnt davor, dass man den Fokus zu sehr auf die Person richte. Denn, und das sind jetzt meine eigenen Worte, auch aus böser Absicht kann Gutes entstehen. Und vielleicht braucht es ja diese Whistleblower, um die viel propagierte neue Weltordnung, die mit dem Jahr 2012 eintreten soll, zu etablieren.
Interessant, dass gerade diejenigen, die von ihrer Charakterstruktur her wohl am wenigsten geeignet sein werden, Führung und Verantwortung zu übernehmen, nämlich die ängstlichen und daher anonym auftretenden Whistleblower, so eine zentrale Rolle dabei spielen werden.