Ein Werk, das verspricht, die Ikone der Psychologie zu demontieren und aufzuzeigen, dass Freud bloß ein billiger Kopierer von Schopenhauer und Nietzsche war und dass er seine Berühmtheit von Anfang an gewollt, systematisch geplant und konsequent in Szene gesetzt habe, ist zunächst schlicht und einfach reizvoll. Und nur zu gerne hätte ich ins selbe Horn geblasen wie der französische Populär-Philosoph Michel Onfray.
Doch Onfrays Motivation, dieses Buch zu schreiben, ist etwas gar offensichtlich. Was er dem großen Meister vorwirft, könnte man auch ihm zur Last legen: Keine Originalität, sondern lediglich aufgekochte Anti-Freud-Parolen. Außerdem schimmert auch bei Onfray zwischen jeder Zeile seine zwanghafte Absicht durch, berühmt zu werden. Das ist Onfray, der vor neun Jahren seinen Lehrerberuf aufgegeben und in Caen eine „Université populaire“ gegründet hat, denn auch gelungen. Sein Buch war monatelang in den französischen Bestseller-Listen und hat eine der namhaftesten Psychoanalytikerinnen Frankreichs, Elisabeth Roudinesco, zu einem Gegenpamphlet inspiriert. Die Schlammschlacht ist perfekt.
Mich persönlich hat Onfray spätestens auf Seite 234 verloren. Da schreibt er nämlich: „Während Charcot lehrte, die Hypnose funktioniere nur bei Hysterikern – worin ihm die Zukunft recht geben sollte – führte Bernheim alles auf die Suggestion zurück [...]“
„Worin ihm die Zukunft recht geben sollte?“ Geht‘s eigentlich noch? Dann wäre ja jeder Mensch ein Hysteriker, nur Michel Onfray nicht. Das wäre zwar theoretisch möglich. Aber nur weil mir auf der Autobahn ab und zu mal ein Geisterfahrer begegnet, zweifle ich nicht daran, auf der richtigen Seite zu fahren