Dr. Vera Schnell
Dr. med. Vera Schnell
Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie
Boelckestr. 17/19
D-93051 Regensburg
Tel. 0941 9 07 58
E-Mail dr.v.schnell@praxisdrschnell.de
   
   

Dr. med Vera Schnell, Regensburg,
über ihr Therapie-Konzept bei Sucht-Patienten

"Sucht-Persönlichkeit,
das gibt es für mich nicht!"

 

Oktober 2004

 

Lieber Hans-Peter,

Vielen Dank für Deine Geburtshilfe, ich bin im Internet! Bis zu meiner eigenen Homepage dauert es noch ein paar Wochen.
Ich möchte Dir meine Arbeitsweise erläutern.

„Wie oft haben Sie versucht aufzuhören?“ Wenn ich diese Frage meinen kranken Patienten stellte, egal ob Alkohol oder Heroin das Problem ist, dann kam die Antwort: „Sehr oft, aber jedes Mal bin ich gescheitert !“
Diese Aussage stand im Kontrast zu den Aussagen der klassischen Psychiatrie: „Ich-schwache- Persönlichkeit“, „die wollen nicht“, „Suchtpersönlichkeit“.

Und so begab ich mich auf eine lange Reise auf der Suche, was macht es für einen alkoholkranken Menschen unmöglich aufzuhören, obwohl er will, obwohl er weiß, dass seine Familie zerstört wird, er den Job verliert und er jedes Mal an sich scheitert.

Die Frage war: Woran scheitert er ?

Und jeder Patient schilderte mir einen Kampf in seinem Kopf wie ein Ping-Pong-Spiel : Ich will nicht mehr; es ekelt mich vor mir selber und trotzdem trinke ich weiter!

Ich fing wieder von vorne an zu lernen: Gehirnentwicklung, Funktionen der beiden Hemisphären, Erinnerungsbildung, Gedächtnisfunktionen ... aber ich kam nicht weiter. In der aktuellen Gehirnforschung fand ich Puzzlestücke, die sich mit der Zeit zu einem sinnvollen Ganzen fügten und die so gut mit den Erzählungen der Patienten übereinstimmten, dass wenn ich umgekehrt, die Begründungen Patienten anbot, sie mir spontan sagten, genauso ist es in meinem Kopf, woher wissen sie das?

Unser Gehirn ist in den letzten hunderttausend Jahren von 400 auf 1200 Gramm angewachsen. Der Neandertaler mit 400 Gramm hatte nur ein - nennen wir es mal so - Reptiliengehirn, das nach dem Reiz-Reaktionsprinzip funktionierte. Er hatte Hunger und ging auf die Suche, er fand eine Frucht am Baum, sie schmeckte gut und er suchte die Frucht am Tag darauf wieder.
Das funktioniert über ein Suchsystem. Dieses Suchsystem weiß nicht, was es sucht,
es wird durch beliebige Auslöser angeschaltet. Dieses System kann daher nicht alleine die Bedürfnisse befriedigen, sondern es funktioniert nur, wenn ein Gedächtnissystem Informationen speichert und eng interagiert.

Das heißt, es gibt im Gehirn ein Gedächtnis, das innere Bedürfnisse mit den Objekten der Außenwelt  abgleicht, erkennt und bei Befriedigung auch belohnt. Die Gedächtnisleistung besteht darin, das Gefühl: „es fühlt sich gut an, es schmeckt gut“ zu speichern und zu aktivieren, sowie das Gefühl des wohligen Sattseins, also die Befriedigung eines Bedürfnisses. Dieses - nennen wir es "instinktives Verhaltensmuster" - wird automatisch freigesetzt ohne unsere kritische Intelligenz.

In diesem alten Gehirn laufen mehrere solche Reiz-Reaktionsmusterketten ab. Neben dem Suchen auch die Furcht, die Flucht und der Kampf und alle diese Reaktionen laufen immer schneller ab als jede geplante Handlung. Die Amerikaner nennen diese Bahnen F-F-F Bahnen (fright-flight-fight) und jede dieser Bahnen ist immer 1,5 Sekunden schneller als jede zielgerichtete Handlung nach Überlegen! Diese Bahn hatte der Neandertaler und die haben wir heute genauso unverändert in unserem Gehirn.

Das war das erste und schwierigste Puzzlestück: Gefühle, Befriedigungen steuern Verhalten schneller als wir denken können! Diese Tatsache macht sich die Werbung zu nutze, schafft Emotionen, die uns kaufen lassen ohne nachzudenken.

Das zweite Puzzlestück ist die Tatsache, dass es Stoffe gibt, die wir mögen, die gut schmecken z.B. ein Apfel, aber wir werden nicht apfelabhängig! Das heißt, es muss so sein, dass der Stoff im Gehirn Veränderungen an den Rezeptoren bewirkt. Es werden die sogenannten Gabarezeptoren und die Dopaminrezeptoren verändert. Das heißt, wir können heute sagen:
Trinken Sie als Mann jeden Tag 30 Gramm Alkohol und Sie sind in 5 Jahren krank; bei einer Frau reichen 20 Gramm schon über einen Zeitraum von 3 Jahren, dann sind die Rezeptoren und die Botenstoffe so verändert, dass die veränderte Rezeptordichte und die Mangelsituation an Botenstoffen das Verhalten steuert.

Das dritte Puzzlestück ist die Erinnerungsbildung. Das Kind erinnert bis zum vierten Lebensjahr nur sensorisch-sensibel. Das bedeutet, es erinnert, wie sich etwas anfühlt, wie etwas schmeckt, aber ohne kalendarische Zuordnung. Das kalendarische Gedächtnis beginnt erst nach dem vierten Lebensjahr.
Auch Rauschzustände werden nur sensorisch-sensibel erinnert , das Gefühl des Unbeschwerten, die Lust, all das ist in den Corpora amygdala gespeichert. Sie haben keine bewusste Erinnerung an ihren Rauschzustand, sie haben nur Geschmack, Körpergefühl und das wohlige Wärmegefühl gespeichert.

Zusammengesetzt kann man sich folgende Entwicklung vorstellen:

  • Ich trinke das erste Glas Alkohol ,weil ich mit Freunden feiern will - eine bewusste Entscheidung.

  • Der Alkohol tut mir gut, ich fühle mich leicht, unbeschwert, komme schneller in Kontakt, es redet sich leichter.

  • Diese positiven Gefühle werden in den corpora amygdala gespeichert, das Dopaminsystem wird aktiviert, die Gabarezeptoren reagieren.

  • Ich trinke wieder, weil wir eine Feier haben und die Reaktionen laufen wieder ab.

  • Je öfter ich trinke, um so schneller laufen die Prozesse im Gehirn ab, bis zu dem Punkt, wo die Rezeptoren so sehr verändert sind, dass ich nicht mehr bestimmen kann, ob ich mit Freunden trinken möchte, sondern meine Rezeptoren sind  so unruhig, dass sie bestimmen: ich muss trinken, und sie geben erst Ruhe, wenn die Menge Alkohol drin ist, die sie brauchen.

Gefühle wie Einsamkeit, Kummer, Unsicherheit, Wärme, Geborgenheit, Im-Mittelpunkt-Stehen, Dazugehören: alle Emotionen, die mir das Alkoholtrinken nehmen oder geben, werden gespeichert und werden dann von den Corpora amygdala erinnert, ohne dass ich es bewusst spüre, sie triggern (steuern) die Alkoholaufnahme.
Diese Reaktionsmuster laufen immer schneller ab als jede Überlegung.

An dem Punkt ist der Mensch alkoholkrank, er sagt sich: „Ich will nicht, ich verliere meinen Job“, und bevor er diesen Gedanken zu Ende denken kann, hat das sensorische Gedächtnis die Gefühle aktiviert und die Rezeptoren haben Mangel an Alkohol signalisiert und er trinkt und will doch nicht!

Dieses System der Corpora amygdala und die Rezeptorveränderung ist eine Reaktion, die in dem Teil des Gehirnes abläuft, die elementare Überlebensmechanismen steuert. Was uns im Überlebenskampf überleben lässt, wird uns im Kampf gegen den Alkohol zu Verhängnis. Und diesen Kampf gegen sich selbst verliert der alkoholkranke Mensch jeden Tag. Kämpft er anfangs noch gegen sich, irgendwann gibt er den Kampf auf und ergibt sich, oder er geht in Therapie, geht 4 bis 6 Wochen, manches Mal drei Monate in eine Langzeittherapie, kommt raus und,,, innerhalb von 4 Wochen sind 80 Prozent der Behandelten wieder rückfällig. Warum?

  1. Die Rezeptoren brauchen mehr als 6 Monate, um zur Ruhe zu kommen. Das Erregungsniveau ist noch so hoch, dass sie immer wieder Hunger signalisieren, was der Patient als Gier empfindet und die Psychiater als Craving bezeichnen.

  2. Die Corpora amygdala vergessen nicht die Gefühle und wann immer sich eine Situation ergibt - Frust, Kummer, Einsamkeit - die sich unter Alkohol so angenehm auflöste, wird automatisch das Reaktionsmuster aktiviert. Der Patient erzählt mir, dass er nach dem Job nur an die Tankstelle gefahren ist, und er weiß nicht wieso er dann den Alkohol gekauft hat. Die Hausfrau wollte nur Milch einkaufen, sie weiß nicht, wie die Flasche Sekt in den Einkaufskorb kam !

Das kommt jedem, der alkoholkrank ist, sehr bekannt vor! Vielleicht nickt jetzt schon mancher: genauso ist es!

Die Schlussfolgerung aus diesem Wissen ist:

  1. Ich mache mit dem Patienten eine Entgiftung:
    Über mehrere Tage erhält er Infusionen mit Zucker, Vitaminen und Magnesium.
    Dazu Tabletten gegen Krampfanfälle und Tabletten zur Beruhigung.

  2. Danach beginnt das Lernprogramm. Der Patient lernt wie sein Gehirn funktioniert und was sich bei ihm verändert hat, damit er mit sich behutsamer und besser umgehen kann.

  3. Um die Reaktionen des Gehirnes aus den Corpora amygdala und den Dopaminrezeptoren zu drosseln, muss der Patient für mindestens sechs Monate Medikamente einnehmen, die geeignet sind, die schnelle Bahn und die Aktivierung aus den Amygdala  zu blockieren. Damit wird die unbewusste Steuerung gebremst und der Patient hat die Möglichkeit und vor allem die Zeit, sich zu sagen: „In der Situation hätte ich sonst Alkohol gekauft, aber jetzt nicht!“

Meine Patienten erleben diese Zeit sehr intensiv, sie haben zum ersten Mal das Gefühl, wieder Herr ihrer Lebenssituation zu sein und sind glücklich. Manches Mal so glücklich, dass sie denken, sie kämen ohne das Medikament aus. Das ist der Moment des Rückfalls! Meine Patienten lernen, sofort anzurufen und wir nehmen die Situation auf, um aus Fehlern zu lernen, und dann klappt es.
Es gibt bei mir keine Vorwürfe. Diese Behandlung ist ein Lernprozess. Die Erfahrung und auch die Fehler machen das Lernen nachvollziehbar und festigen das Wissen.

Am Anfang war es für mich schwer, weil meine Patienten gar nicht glauben konnten, dass es einen ambulanten Weg gibt, der erfolgreich ist. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, und die Erfolge geben meinen Patienten Vertrauen. Sie erzählen es anderen Kranken, die ich nicht mehr überzeugen muss, die kommen und sagen, ich habe das von X und Y gehört, bitte machen sie das auch mit mir !

Mit besten Grüßen

Vera
im Oktober 2004






 


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