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Talk Nr. 2Thema "Führung durch das Leben" |
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| Hans-Peter Zimmermann ist Trainer für Klinische Hypnose, Stephan Wehowsky Theologe, Philosoph und Publizist. Hier finden Sie mehr über die beiden. | |
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| Stephan Wehowsky: Heute wollen wir uns über die "Führung durch das Leben" unterhalten. Ich muss gestehen, dass mich diese Formulierung, "Führung durch das Leben", immer auch ein bisschen amüsiert. Weil man sich bei dieser Formulierung so schön um die Frage herumdrückt, was man eigentlich meint, wer oder was da führt. Man könnte ja auch sagen: Führung durch Gott, Führung durch den Heiligen Geist oder Führung durch den Zufall. Wir lassen zunächst die Frage, was eigentlich mit der Führung durch das Leben gemeint ist, beiseite. Wenn wir die Phänomene beschreiben, werden wir sehen, ob man da etwas mehr sagen kann. Oder siehst du das anders? Ist "Führung durch das Leben" für dich eine klarere Formulierung als für mich? Hans-Peter Zimmermann: Nein, ich verstehe eigentlich erst jetzt, was du gemeint hast mit "Führung durch das Leben". Es hat eine gewisse Doppeldeutigkeit: Man wird durch das Leben geführt, oder man wird geführt, von wem? Vom Leben. Also durch das Leben geführt werden... SW: Also wie durch ein Tal. HPZ: Das eine wäre wie ein Tal oder ein Weg, den man geht. Das andere ist tatsächlich so, dass man durch etwas oder jemanden geführt wird. SW: Auf diese Unterscheidung bin ich noch gar nicht gekommen. Ich werde durch das Leben (hindurch) geführt. Dabei fällt mir spontan ein, dass es Märchen gibt, in denen Personen in Gefahren oder Versuchungen geführt werden und man als Leser oder als Hörer genau weiss, dass es gewissermassen eine Hand gibt, die sich über den Helden wölbt. Nur der Held weiss es nicht. Auch in der griechischen Mythologie gibt es meines Wissens nach solche Motive. Wenn ich selbst in einer schwierigen Situation bin, muss ich häufiger an diese Märchen denken. Wenn ich nahe daran bin, zu verzweifeln, sage ich mir, dass das eine solche Situation sein könnte, die mich in besonderer Weise herausfordert, und dass ich eigentlich ein Grundvertrauen haben könnte. HPZ: Man muss ja eigentlich nur in die Vergangenheit zurückblicken und sich ein paar schwierige Situationen herauspicken. Meistens lacht man im nachhinein und sagt: "Es ist eigentlich verrückt, es musste ja so und so kommen. Damals habe ich mich so schlecht gefühlt, aber die Probleme haben sich wie durch ein Wunder aufgelöst. Ich bin dann dem und dem Menschen begegnet, dann ist dies und das passiert." Im nachhinein erkennt man eine logische Folge und sagt sich, dass es eine innere Folgerichtigkeit gegeben hat. C. G. Jung nennt das Synchronizität. Das sind synchrone Abläufe von verschiedenen Menschen, die sich in irgendeiner Weise zu verzahnen scheinen. Der skeptische Mensch wird das wahrscheinlich als reinen Zufall bezeichnen. Aber wenn man offen wird und ein gewisses Sensorium für diese Ereignisse entwickelt, dann bin ich durchaus auch geneigt, es Synchronizität zu nennen. SW: Können wir darüber noch einmal reden? Denn mir ist diese Theorie der Synchronizität nur dem Namen nach geläufig. Was bedeutet Synchronizität? Bedeutet sie, dass es keine Zufälle sind, wenn man bestimmten Menschen zu bestimmten Zeitpunkten begegnet? Geht in bestimmten Menschen, mit denen man zu tun hat, ähnliches vor? HPZ: Es gibt ein Goethe-Wort, das ich leider nicht wörtlich zitieren kann. Es muss irgendwo in den "Maximen und Reflexionen" stehen. Ich habe dieses Zitat einmal auf englisch gehört, und grob übersetzt heisst es: "Wenn du dich richtig einer Sache hingibst, dann kommt auch die Vorsehung ins Spiel." Ein konkretes Beispiel: Du hast dir vor drei oder vier Wochen zum Ziel gesetzt, dass du wissen möchtest, wie man eine Homepage gestaltet. Davon hattest du vor drei oder vier Wochen noch keinen blassen Dunst. Kürzlich hast du mir geschildert, was jetzt alles so passiert ist. Plötzlich ruft dich jemand an, der dir bestimmte Auskünfte geben kann, es entstehen neue Kontakte. Es ist, als ob da eine unsichtbare Instanz am Werke wäre, die sagte: "Stephan will etwas über Homepages wissen, also liefern wir ihm jetzt die Informationen." Das ist das, was Jung mit Synchronizität bezeichnet. SW: Da könnte ich noch ein anderes Beispiel anführen. Vor ganz wenigen Tagen haben wir beide uns über Reinkarnation unterhalten, und gestern Abend, wohlgemerkt an einem Sonntag, bekomme ich von einem bekannten und bedeutenden Hirnforscher eine Email, in der er mir mitteilt, dass er sich gerade mit dem Thema der Auferstehung beschäftigt hat. Da habe ich meine Frau gerufen und gesagt: "Guck dir das an, das ist doch schon kein Zufall mehr." Man kann es auch umgekehrt beschreiben - das hat mich oft beschäftigt. Ich habe es für mich einen Strudel genannt. Wenn einem Dinge misslingen und man sich in einer schlechten Lebensphase befindet, dann misslingt einem auch immer mehr. Das ist, wie wenn man in einen Strudel kommt und immer mehr Kraft braucht, um sich aus dem Strudel zu befreien. Du hast jetzt gerade schön beschrieben, wie das ist, wenn man mit einer Idee nach vorne geht, sich also nicht verbohrt, sondern diese Idee auch kommuniziert, sich also nach aussen richtet. Dann bekommt man von Seiten Unterstützung, an die man vorher nie gedacht hätte. Vielleicht liegt das an der Ausstrahlung, dass sich solche Anknüpfungspunkte ergeben. Aber es gibt auch die gegenteilige Tendenz, so dass die Lebenskreise immer enger werden. HPZ: Ganz klar, es funktioniert positiv wie auch negativ. Die Frage ist: Liegt das an dir, dass du irgendwann in der Lage ist, einen Impuls zu setzen und zu sagen: "So, und jetzt ist Schluss mit dieser negativen Spirale"? Also, von dem Moment an, wo du nicht mehr nur sagst, was du alles nicht möchtest, sondern positiv sagst, was du möchtest, öffnet sich das Universum, das Leben - man kann es auch Gott nennen - und sagt: "Okay, jetzt weisst du wenigstens, was zu tun ist. " SW: In diesem Zusammenhang habe ich eine Frage. Du hast jetzt gesagt, man müsse selber aus sich heraus den Entschluss fassen. Kann man das? HPZ: Das ist eben das Schwierige. In so einer depressiven Phase ist es gerade sehr schwierig. Dieser Mensch hätte sein Problem ja nicht, wenn er positiv denken könnte. Ich kann einem Depressiven noch solange erzählen, dass positives Denken besser wäre - das nützt ihm in diesem Moment überhaupt nichts. Sich selber an den eigenen Haaren aus dem Dreck zu ziehen: Ich frage mich manchmal, ob einer das wirklich kann oder ob er nicht schon aus dem Dreck heraus war, als er von sich aus vorwärts gehen konnte. SW: Also, ich denke, dass man schon äussere Impulse braucht, um aus einer schwierigen Situation herauszukommen. Ich kann von einem persönlichen Erlebnis erzählen, das schon längere Zeit zurückliegt. Das war 1980, interessanterweise in der Schweiz. Damals befand ich mich in einer ausserordentlich schwierigen Lebensphase. Ich war auch depressiv. Ich hatte eine unglückliche Liebesgeschichte, hatte vorher die Trennung von meiner ersten Frau zu verkraften und hatte sehr schwierige berufliche Umstellungen einigermassen bewältigt, befand mich gleichwohl auch auf dieser Ebene in einer Umbruchphase, die an sich schon schwierig gewesen ist. Und da kam noch das ganz Persönliche hinzu. Meine Depressionen waren so schwer, dass ich sie wie Koliken gefürchtet habe. Ich merkte, wenn ich spazieren ging, wann eine neue Depressionen im Anmarsch war. Nun bin ich eines Abends ein bisschen gewandert und ein bisschen in die Höhe gestiegen. Plötzlich überfiel mich die Gewissheit, dass in mir kein Trümmerfeld ist. Dass in mir kein Abfall ist. Das war wie ein biblisches Erlebnis, eine Offenbarung auf dem Berg: "In mir ist nicht nur Schrott." Das hat mir geholfen, die nächsten Monate, die mich ebenfalls an Grenzen geführt haben, zu überstehen. Und ich konnte mich aus meiner Situation befreien und einen Ortswechsel vornehmen, der mir neue Horizonte eröffnete - wobei auch hier Schwierigkeiten blieben. Es gibt wohl so etwas wie innere Offenbarungen. Kannst du eine solche Erfahrung bestätigen, kennst und das von anderen Menschen? HPZ: Das erste, was mir dazu einfällt, ist das Modell der alten hawaiijanischen Huna-Tradition. Die alten Hawaiijaner haben nicht nur gesagt, wir hätten ein Bewusstsein und ein Unterbewusstsein - das wären die beiden operativen Instanzen, damit gehen wir durchs Leben -, sondern wir hätten auch ein höheres Selbst oder ein "Überbewusstsein" - wie immer man das nennen will. Und dieses höhere Selbst ist nicht direkt am operativen Geschehen beteiligt. Sondern das höhere Selbst kennt den Lebensplan, das höhere Selbst weiss, was in diesem Leben zu lernen ist, und führt dich in Situationen, die dich weiterbringen. Das können auch mal Situationen sein, die von aussen betrachtet nicht unbedingt toll sind. Um ein Beispiel zu geben: Du entspannst dich nie. Das höhere Selbst versucht mehrfach, mit leichtem Anklopfen zu sagen: "Hey, Stephan,easy. Mach langsam, du solltest dich zwischendurch etwas entspannen" - und du tust es nicht. Du hörst nicht. Dann kommt das höhere Selbst und sagt: "Okay, Stephan braucht offenbar den Wink mit dem Zaunpfahl." Dann sorgt es dafür, dass du genau im richtigen Moment an einer Kreuzung bist, an der ein Autofahrer nicht richtig aufpasst. Das heisst, ihr kracht zusammen, du brichst dir ein Bein und musst drei Wochen ins Krankenhaus. Da hast du die Gelegenheit, dich endlich zu entspannen. Als ich das zum erstenmal gehört habe - ich habe auf Hawaii vor Jahren mal ein Huna-Seminar mitgemacht -, hat mir das keine Ruhe gelassen. Ich übernehme eine Theorie nicht so einfach, sondern probiere sie eine zeitlang als Hypothese aus. Ich beobachte einfach, ob die Aussagen zutreffen könnten. Vielleicht gibt es ja auch Parallelen in den Naturwissenschaften. Und so habe ich mit dem höheren Selbst folgende Erfahrung gemacht: Die Huna-Leute sagen, dass wir über das höhere Selbst mit allen anderen höheren Selbsten verbunden seien. Das klingt jetzt sehr abstrakt, aber das kannst du relativ leicht nachweisen. Ich mache das jedesmal in meinem Grundlagenseminar. Da mache ich eine einfache Übung, um den Leuten zu zeigen, dass wir keine abgeschlossenen Inseln sind. Vielmehr sind wir verbunden und haben mehr Informationen zur Verfügung, als wir uns je hätten träumen lassen. Die Übung geht konkret so: Man schreibt auf ein Blatt Papier den Namen und den Vornamen, das Alter und den Wohnort von irgend einem Menschen, den man kennt. Dann werden die Blätter ausgetauscht, und jeder hat einen Namen vor sich, den er nicht kennt. Dann gehen wir in eine leichte Trance. Das ist keine Zauberei - Augen zu und ein bisschen entspannen, dann fängt das schon an. Dann schreiben die Teilnehmer jeweils Geschichten zu den Menschen auf, von denen sie nur die Angaben auf dem Papier haben. Dabei liegt die Übereintimmungsquote mit der Wirklichkeit bei über neunzig Prozent. Und die Teilnehmer sind keine Esoterikfreaks, sondern ganz gewöhnliche Menschen. SW: Jetzt muss sich doch einmal skeptisch nachfragen. Was ist jetzt mit der Übereinstimmung gemeint? Wenn du mir zum Beispiel einen Namen wie Anita Müller auf ein Blatt Papier schreibst, und ich dir sage: "Es muss sich dabei um eine Frau handeln", dann habe ich natürlich eine hohe Übereinstimmung. HPZ: Nein, das geht schon weit über das hinaus, was man in Zeitungshoroskopen lesen kann. Es gibt Leute, die die Äusserlichkeiten sehr genau treffen, aber die sind gar nicht so wichtig. Interessanter sind die Lebensumstände: Welchen Beruf übt dieser Mensch aus? Ist das wirklich sein Traumberuf? Möchte er lieber etwas anderes machen? Hat er einen Kinderwunsch? Worin besteht sein grösstes Problem? Selbst wenn man skeptisch hinschaut, muss man bei dieser Präzision sagen: "Hut ab." SW: Ich möchte etwas zum Thema des höheren Selbst ergänzen. Die moderne Hirnforschung hat gezeigt, dass wir viel stärker von unserer Umwelt abhängig sind, als wir dies im allgemeinen annehmen. Das abendländische Denken geht immer vom Ich aus. Es gibt das Ich, es gibt viele andere Iche. Jedes Ich muss immer etwas von sich aus tun. So muss ich die Blume sehen, ich muss etwas riechen, ich muss etwas hören. Man denkt immer vom Subjekt her. Das Subjekt ist der Erschaffer seiner Welt. Nun zeigen einige einfache Überlegungen der Hirnforschung, dass es sich hierbei um ein völlig falsches Selbstbild handelt. Denn das Gehirn wird durch Einflüsse der Umwelt geformt. Erst ist die Umwelt da, und die wirkt auf die Entwicklung des Gehirns ein. Zum Beispiel die Mutter. Wenn die nicht mit dem Kind redet, entwickelt sich kein Sprachzentrum. Das heisst, wir müssen anerkennen, dass unser Gehirn sehr stark durch äussere Einflüsse geformt wird nicht von vornherein durch das Ich. Ich werde ja auch durch Ereignisse von aussen gestört. So gehe ich durch einen Wald, und irgend jemand läuft dort mit einem Kofferradio herum. Dann wird in mir ein ganzer Prozess ausgelöst: Ich höre das, ich ärgere mich und fühle mich gestört. Dieser Prozess ist von mir nicht intendiert. HPZ: Ist der wirklich nicht intendiert? Ist der wirklich nicht von dir beabsichtigt? Vielleicht musst Du ja mit diesen Gefühlen in Kontakt kommen. SW: Unter der Überschrift "Führung durch das Leben" ist diese Frage natürlich interessant. Demnach wäre der Nachbar, der mich stört ... HPZ: ... den hast du kreiert - jedenfalls würden das die Hawaiijaner wahrscheinlich sagen. Was heisst: Du? Natürlich ist es dein höheres Selbst, das den Nachbarn kreiert hat, damit du mit deinen Gefühlen in Kontakt kommst. Das ist, wie wenn der Lehrer sagt: "Wie wäre es, Stephan, wenn du dir diese Gefühle des Ärgers noch einmal ein bisschen genauer anschautest. Woher kommen die eigentlich?" Und wenn du weit genug zurückgehst und dir anschaust, warum du dich so masslos und vielleicht unverhältnismässig ärgerst - unverhältnismässig auch in dem Sinne, dass es dir ja schadet. Ich nehme nicht an, dass der Ärger dir in dem Moment hilft, es sei denn, du kannst gerade ein bisschen Dampf ablassen. Aber das ist schliesslich auch ein Dampf, den du selber kreiert hast. Du musst den Dampf ja nur dann ablassen, wenn er entstanden ist. Du könntest auch dafür sorgen, dass dieser Dampf gar nicht erst entsteht. Die Hawaiijaner würden wahrscheinlich sagen, das ist das höhere Selbst, das da an die Tür klopft und sagt: "So, Stephan, jetzt hättest du doch einmal wunderbar Gelegenheit, dich ein bisschen mit deinem Ärger auseinanderzusetzen, zu schauen wo der herkommt und den einmal abzuhängen." SW: Würde das in der Konsequenz bedeuten, dass man sich überhaupt nicht mehr ärgern darf? HPZ: Nein, das wäre ein Trugschluss. SW: Nehmen wir noch einmal das Beispiel vom Wald, wo du die Stille geniessen und die Vögel singen hören möchtest. Und jetzt läuft da jemand mit einem Kofferradio durch, so einem Ghetto Blaster. Jetzt sagt der Hawaiijaner: "Den hast du dir gesucht. Du brauchst den, weil du lernen musst, dass seine Erwartungen nicht selbstverständlich erfüllt werden." HPZ: Du machst dich mit deinen Erwartungen unglücklich. Unglücksgefühle entstehen durch falsche Erwartungen. Aber ich kann Deine Gefühle gut nachvollziehen. Ich ärgere mich hin und wieder auch, und ich muss auch einmal genau hinschauen, woher das kommt. Wenn ich zum Beispiel hier in Zug am See bin und die jungen Leute sehe, die ihre Bierflaschen einfach zerschlagen anstatt sie weg zu werfen, dann geht mir das nicht in den Kopf. Das Problem ist nur, dass ich mir selber so einen wunderschönen Frühsommernachmittag verderbe. Denn die Jugendlichen werde ich nicht umerziehen können. SW: Das erinnert mich ein bisschen an "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch. Am Ende gibt der Biedermann dem Brandstifter noch die Zündhölzer, damit dieser sein Haus anzünden kann. HPZ: Und er glaubt immer noch an das Gute im Menschen und denkt: "Er wird es schon nicht tun", aber er tut es eben doch. SW: Heisst das jetzt wirklich, dass ich - philosophisch ausgedrückt - auf Kritik verzichten muss? Dass ich nicht mehr sagen darf: "Das ist schlecht, das bringt mich auf 100, da springe ich an die Decke?" Muss ich so ein ausgeglichener Mensch sein, der sagt: "Na ja, wenn die Jugendlichen die Flaschen zerschlagen, dann sollen sie sie doch zerschlagen." HPZ: Wenn du das tun würdest, dann wärst du ein Profiverdränger. Und das wäre genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich möchten. Ich glaube, es gibt immer zwei Aspekte. Es gibt den einen Aspekt, dass du auf das reagierst, was da passiert, und auch mal Zivilcourage zeigst, wenn es etwas bringt. Nur glaube ich nicht, dass es etwas bringt, wenn ich einem Jungen sage: "Wirf diese Flasche hier in den Papierkorb." Er wird es sowieso nicht tun und mich bloss ein Arschloch finden. Ich glaube nicht, dass ich ihn umerziehen kann. Also das eine ist, dass man schon auf das reagiert, was passiert. Das zweite ist aber, dass man gleichzeitig schaut, warum ich solche Situationen anziehe. Das ist das Resonanzprinzip: Warum stehe ich zu so einer Situation in Resonanz? Meine Erfahrung ist die, dass, wenn ich reinschaue, was bei mir los ist, das erledige und das in Ordnung bringe, so dass ich am Ende solche Situationen nicht mehr anziehe. SW: Das finde ich einen interessanten Gesichtspunkt. Man kann ja bei sich und anderen feststellen, dass bestimmte Situationen für mich und andere typisch sind. Man sagt ja auch: "Das ist mal wieder typisch, dass dem dies und jenes passiert ist. Just an dem Tag, an dem er in den Urlaub fliegen will, wird gestreikt." Ich selber habe einmal eine Familie sehr gut gekannt, bei der Knochenbrüche typisch waren. Das waren nicht einmal verrückte Leute, ganz und gar nicht. Aber jeder hat sich einmal oder sogar mehrfach seine Knochen gebrochen. Das gehörte zur Familie dazu. In meiner Familie hat sich, glaube ich, kaum jemand mal einen Knochen gebrochen. HPZ: Ich habe eine Familie erlebt, von der ständig irgendwelche Mitglieder überfallen wurden. Die Mutter wurde überfallen, zwei- oder dreimal schon. SW: Da sind wir an einem Punkt, bei dem wir uns auf einem relativ soliden wissenschaftlichen Fundament bewegen. Es gibt ja die Victimologie in der Kriminologie. Das ist die Lehre von den Opfern. Da kann man tatsächlich feststellen, dass bestimmte Menschen besonders dazu neigen, überfallen zu werden. Diese Formulierung klingt sehr komisch. Sie "neigen dazu, überfallen zu werden". Aber es gibt diesen Opfertypus. Das sind Menschen, die sich vielleicht auffällig kleiden, sagen wir Frauen, die auf diese Weise leichter Opfer von Sexualtätern werden. HPZ: Muss nicht einmal sein. Jetzt sind wir wieder beim Thema vom letzten Gespräch, bei der Reinkarnation. Wenn wir Regressionstherapie machen, also so weit zurückgehen, wie es nötig ist, dann kann es durchaus sein, dass ich die Ursache von einem solchen Problem in der Kindheit, der Geburt oder der Schwangerschaft finde. Diese Dinge sind leicht nachvollziehbar. Aber es ist durchaus möglich, dass so ein Thema, so ein Überfall, in einem früheren Leben stattgefunden hat. Und wenn ich das bearbeite, was ich öfter getan habe, und das abhänge, also die entsprechenden Schaltungen im Nervensystem rückgängig mache, dann ist plötzlich mit den Überfällen Schluss. Oder es ist Schluss mit den Knochenbrüchen. Weil nämlich das Muster nicht mehr da ist und daher die Resonanz ausbleibt. SW: Das klingt für mich etwas phantastisch, auf der anderen Seite leuchtet es mir ein. HPZ: Das klingt solange theoretisch, wie man es nicht selber erlebt hat. Aber ich lade dich gerne ein, wenn du einmal ein grösseres Problem hast, dass wir einmal zusammenarbeiten und du beobachten kannst, was mit dir passiert. Ich muss die Leute in der Regel nicht überzeugen, denn sie merken es von selbst. SW: Dazu habe ich eine Frage. Mir hat vor kurzer Zeit ein sehr kluger Mann gesagt, dass Menschen auch davor Angst haben, etwas aufzugeben, unter dem sie eigentlich leiden. Zum Beispiel Süchte. Jemand raucht oder trinkt oder hat sonst ein schädigendes Verhalten, weiss, dass es ihn schädigt, möchte es loswerden, und in dem Moment, in dem er es loswerden könnte, bekommt er es mit der Angst zu tun. HPZ: Das ist richtig. Um das zu erklären, müssen wir die Begriffe "primärer" und "sekundärer Krankheitsgewinn" einführen. Eine Sucht ist ja nach einer internationalen Klassifizierung eine Krankheit. Der primäre Krankheitsgewinn liegt darin, dass sich diese Menschen nicht mit ihrem eigentlichen Problem auseinandersetzen müssen. Nimm einen Menschen mit einem Paniksyndrom. Vielleicht wäre das Thema, das eigentlich bearbeitet werden müsste, Machtausübung. Zum Beispiel Machtausübung von Männern gegenüber Frauen. So könnte eine Frau mit einem Paniksyndrom einen Vater gehabt haben, der sie bedrängt hat. Vielleicht sind auch andere Dinge vorgefallen, mit denen sie sich nicht auseinandersetzen mag. Und jetzt hat sie ein Paniksyndrom. Dieses steht voll im Zentrum, und alles andere ist eben nicht ihr Problem. Das ist der primäre Krankheitsgewinn. Und der sekundäre Krankheitsgewinn liegt darin, dass diese Frau jederzeit zusätzliche Aufmerksamkeit beanspruchen kann. Darüber hinaus übt sie Macht aus. So muss ihr Mann jederzeit nach Hause kommen, wenn sie ihn anruft und sagt: "Ich habe wieder eine Panikattacke." Ihr Mann muss sie überallhin begleiten. Das sind enorme sekundäre Krankheitsgewinne. Bei einer Sucht ist es im Grunde dasselbe. SW: Wir sprechen über die "Führung durch das Leben". Unser Gespräch hat bis jetzt die Tendenz gehabt, in der "Führung durch das Leben" einen Erziehungsprozess zu sehen. Ich werde mit bestimmten Dingen, die unaufgearbeitet in mir schlummern, konfrontiert. Diese Dinge muss ich sachgemäss als Botschaft aufgreifen, um die Aufgabe, die mir damit gestellt ist, zu bewältigen. Gibt es noch andere Gesichtspunkte bei unserem Thema? Ich möchte ein Beispiel erzählen, das sehr verwirrend ist. Ich konstruiere dieses Beispiel, das allerdings sehr dicht an meiner eigenen Erfahrung angelagert ist. Jemand bekommt ein tolles Angebot beruflicher Art. Eine Firma bemüht sich um ihn. Er geht hin und stellt sich vor. Die Gespräche verlaufen gut. Trotzdem hat er ein mulmiges Gefühl, aber die Argumente seiner neuen Arbeitgeber sind so überwältigend, dass er nichts dagegen setzen kann. Er macht einen Karriereschritt, er bekommt mehr Geld, er hat eine interessantere Aufgabe, und trotzdem hat er ein schlechtes Gefühl. HPZ: Also so ein Bauchgefühl. Die Intuition sagt nein. SW: Die Intuition sagt nein, aber er macht den Job, und das geht dann auch schief. Das sind Dissonanzen. HPZ: Konkret nachgefragt: Was ging denn schief? Da war doch sicher auch einiges An Positivem dabei. SW: Also, da muss ich dann doch etwas persönlicher werden. In meinem Fall war es tatsächlich so, dass ich, bevor ich in das eigentliche Gespräch ging, darum gebeten hatte, mir die Büroräume zu zeigen. Als ich da durchging, dachte ich, dass ich am besten gleich wieder nach Hause fahren sollte. Das Gespräch verlief dann aber so, dass ich mich dem Werben nicht entziehen konnte. HPZ: Du hast einen Kopfentscheid getroffen. SW: Klar. Und am Ende war es tatsächlich so, dass die Zusammenarbeit in dieser Firma daneben ging. Und das strahlten für mich diese Räume schon aus. HPZ: Was hast du dabei gelernt? SW: Unendlich viel. HPZ: Voilà. SW: Ich bereue diesen Fehler eigentlich auch gar nicht so sehr. HPZ: Da würde der Hawaiijaner sagen: Das höhere Selbst hat dich in eine Situation geführt, die zwar nicht besonders angenehm war, aber vielleicht ein Intensivkurs erster Güte für dich gewesen ist. SW: Na gut, aber ich will auf einen anderen Punkt hinaus. Dass es nämlich ausserordentlich schwierig ist, Wahrnehmungen, die über unterschiedliche Kanäle laufen und die sich widersprechen können, aufeinander zu beziehen. Der neue Chef sagt: "Du bekommst ein tolles Gehalt. Du kriegst eine tolle Aufgabe. Ich biete Dir eine Lebensstellung." - Alles, was man sich so wünscht. Und das Gefühl sagt einem, während man sich die Büroräume anguckt: "Hier passe ich doch gar nicht hin. Was sind das für Leute, die hier arbeiten?" Wie soll man da entscheiden? Soll man grundsätzlich sagen: "Ich folge meiner Intuition"? Das glaube ich nicht. HPZ: Es kommt darauf an, ob man sich auf seine Intuition verlassen kann. Meine Theorie ist folgende: Man kann sich auf seine Intuition nur dann verlassen, wenn man weitgehendst, soweit das möglich ist, frei ist von neurotischen Haltungen. Das muss ich ein bisschen konkretisieren. Intuition heisst eigentlich nichts anderes, als dass ich darauf achte, ob ich ein gutes oder ein schlechtes Gefühl habe. Bei einem guten Gefühl entscheide ich positiv, bei einem schlechten heisst das: "Du bist auf dem falschen Weg." Demnach wäre Intuition ein guter innerer Kompass. Das Problem besteht nun darin, dass ein negatives Gefühl zwar zur Intuition gehören kann, es könnte aber auch ein neurotisches Gefühl sein. Das wäre eine neurotische Schaltung, die von früher her kommt. Konkretes Beispiel: Du bist Personalchef einer grösseren Firma. Du hast einen Menschen vor dir, der - vom Kopf her, per Kopfentscheid - eigentlich eingestellt werden müsste. Aber du hast ein schlechtes Gefühl. Wer garantiert dir jetzt, dass dieses schlechte Gefühl wirklich zu deiner Intuition gehört, dass du also wirklich darauf hören solltest? Oder ob dich dieser Typ nur irgendwie an einen früheren Kollegen erinnert, der dich mal hereingelegt hat? Mit anderen Worten, ob dies nicht eine neurotische Schaltung in deinem Gehirn ist, die dir da einen Streich spielt? Wenn ich es schaffe, meine neurotischen Schaltungen aufzulösen - ein grosser Teil meiner Arbeit besteht darin, den Leuten zu helfen, diese neurotischen Schaltungen aufzuheben -, dann kann ich mich mehr und mehr auf meine Intuition verlassen. Aber, auf der anderen Seite möchte ich solche Situationen, die durch falsche Entscheidungen zustande kommen, gar nicht missen. 1998 sind wir nach sechs Jahren Kalifornien nach Italien gezogen. Als wir in unsere phantastische Villa kamen, hat sich in uns alles gesträubt. Aber der Kopf gesagt: "Schau mal, sieben 1/2 Zimmer, ein Gästehaus, da kannst du wunderbar Therapien durchführen, ein Hektar Land, auf der einen Seite ein See, auf der anderen das Meer": Das waren alles Kriterien, die rational völlig begründet waren. Aber es hat nur vier Monate gedauert, bis die Intuition gesiegt hatte. SW: Das würde ich gerne noch etwas genauer wissen. Was ist da genau passiert? Wie ist die Entscheidung zustande gekommen, nach Italien zu gehen, und was hat euch konkret in der Situation gestört? HPZ: Die Entscheidung, nach Italien zu ziehen, hing damit zusammen, dass wir wieder näher bei meiner Kundschaft sein wollten. Ausserdem hatten wir den Eindruck, dass unser amerikanisches Kapitel abgeschlossen ist. Wir wollten aber nicht ganz zurück in die Schweiz, weil uns diese Lösung irgendwie als zu banal erschien. Wir hatten auch das Gefühl, wir bräuchten noch einen gewissen Exotikbonus. Dabei haben wir nicht bedacht, dass wir es sind, die unser Leben leben müssen, und dass es dabei nicht darauf ankommt, wie andere Leute uns von aussen betrachten. Wir leben unser Leben nicht für die anderen. Dennoch hatte dieser Umweg einen Sinn. Denn wenn wir nur direkt hätten in die Schweiz gehen wollen, wäre uns vielleicht der Abschied von Amerika zu schwer gefallen, so dass wir gar nicht weggekommen wären. Insofern war die Entscheidung für Italien ein sinnvoller Schritt. Ohne diese Vorfreude, zum Beispiel im Alltag Urlaubsatmosphäre zu erleben, hätten wir es vielleicht nicht getan. Nur so konnten wir lernen, dass es besser ist, den Alltag Alltag sein zu lassen und nicht mit Urlaub zu vermischen. SW: Was hat bei euch konkret das Unwohlsein ausgelöst? HPZ: Das ist schwer zu sagen. Das war ein Bauchentscheid. Der Bauch hat immer wieder gefragt: "Was macht ihr da? Was macht ihr beiden in Italien?" SW: Ich frage das bewusst so hartnäckig, weil ich die Theorie habe, dass man an einem Ort, an dem man gerne Urlaub macht, nicht leben kann. HPZ: Das ist sicher richtig. Und Italien ist ganz besonders schwierig mit den Behörden. Inzwischen könnte ich dir auf der logischen Ebene drei Seiten mit den Gründen vollschreiben, die anzeigen, dass Italien für uns als Wohnort überhaupt nicht geeignet war. Aber es gibt auch die kurze Variante: der Bauch hat nein gesagt. Ganz ähnlich haben wir damals übrigens vom Bauch her entschieden, Kalifornien zu verlassen: Es war einfach Zeit. Das nenne ich auch Führung durch das Leben. (Zweiter Teil über die " Führung durch das Leben " folgt.) |
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