Zurück zum Verzeichnis der Gespräche

Talk Nr. 3

Thema "Führung durch das Leben" (Zweiter Teil)

 
Hans-Peter Zimmermann ist Trainer für Klinische Hypnose, Stephan Wehowsky Theologe, Philosoph und Publizist. Hier finden Sie mehr über die beiden.
 

Dieses Gespräch können Sie auch als Audio-Datei haben (Länge 33 Minuten, File-Größe 32 Mb), und zwar GRATIS!

 
 
 

Stephan Wehowsky: Heisst Führung durch das Leben auch, dass man Umwege gehen kann?

Hans-Peter Zimmermann: Umwege gehen dürfen, aber auch einfach sagen dürfen: "Weisst du was, ich brauche dir keine Begründung dafür zu liefern, dass ich jetzt diesen Schritt tue. Ich tue ihn einfach." - Ich bin auch schon angeeckt. Ich habe Leuten aus heiterem Himmel geschrieben: "Entschuldige, du hast dich zu einem Seminar angemeldet, aber mein Bauch sagt nein" - das war wahrscheinlich für diese Leute der grösste Schock. Aber ich habe den Eindruck, ich sei damit bis jetzt gut gefahren.

SW: Dass Du jemandem sagst, er solle nicht kommen?

HPZ: Ja.

SW: Das ist ein unglaublich spannender Prozess, wie man versuchen muss, diese unterschiedlichen Stimmen in einem selber zu einem Entscheid zu bringen. Ein berühmter Familientherapeut, Helm Stierlin, spricht in diesem Zusammenhang vom "inneren Parlament". Der Hirnforscher Detlef B. Linke spricht davon, dass es im Gehirn verschiedene Antriebskräfte gibt. Es gibt die Gefühle, den Intellekt, es gibt archaische Regungen, es gibt sehr verfeinerte kulturelle Bedürfnisse und so weiter. Das alles muss miteinander kommunizieren, und in diesem Zusammenhang spricht Linke von Gerechtigkeit. Es muss im Gehirn eine Gerechtigkeit herrschen. Es dürfen zum Beispiel nicht die archaischen Antriebe zugunsten der Kultur einfach verdrängt werden. Das wäre ungerecht.

HPZ: Es gibt einen interessanten Aspekt in der Psychosynthese. Die Psychosynthese geht davon aus, dass wir mehrere Teile haben, mehrere Teile des Unterbewusstseins oder des Unbewussten. Wenn Du jetzt zum Beispiel einen Raucher nimmst - Du kannst irgend eine Sucht nehmen - hast Du immer zwei Teile, die gegeneinander kämpfen. Ein Teil raucht und er sieht auch Vorteile darin. Und ein Teil will es nicht. So ist es zumindest bei denjenigen Rauchern, die sich mit dem Gedanken tragen, das Rauchen aufzugeben. Im NLP, dem "Neurolinguistischen Programmieren" , gibt es eine Technik, die die sogenannte "Teileintegration", da werden nun diese beiden Seiten aufeinander bezogen. Es wird gezeigt, dass beide Seiten im Grunde dasselbe wollen. Das läuft über Armkatalepsie und ideomotorische Bewegung ab. Dabei werden beide Teile vom Unterbewusstsein automatisch zusammengeführt. Der Klient kann eigentlich nur noch staunend beobachten, wie beide Hände zusammenkommen, also symbolisch die beiden Teile.

SW: Und dann raucht man ohne schlechtes Gewissen?!

HPZ: Ich sage einmal: Fünfzig Prozent der Raucher hören nach dieser zehnminütigen Übung bereits auf. Und bei den anderen steckt noch etwas Tieferes dahinter. Da spreche ich eben vom primären und sekundären Krankheitsgewinn. Das kann man auch korrigieren, aber nicht mit dieser einfachen Technik. Was ich damit sagen wollte, ist: Die Psychosynthese geht davon aus, dass man permanent mit diesem inneren Parlament Teile integrieren sollte. Man sollte permanent zu einem Konsens kommen. Das Schlimmste, was Du Dir vorstellen kannst, ist, einhundert verschiedene Teile zu haben, die alle in verschiedene Richtungen drängen. Dann fühlst Du Dich eben innerlich zerrissen.

SW: Wir haben jetzt sehr viel über das Individuum gesprochen. Ich möchte noch auf einen Gesichtspunkt eingehen, der im ersten Moment trivial wirkt. Aber mich beschäftigt, dass z. B. bei der Frage, welche Politik gemacht wird, also für welche Ziele sich Politiker einsetzen, in welcher Weise die Presse berichtet oder auch, welche Produkte angeboten werden, immer stärker nach Umfragen gegangen wird. Also man überlegt nicht mehr: "Was will ich als Politiker? Was will ich als Journalist den Leuten beibringen? Was will ich als Produzent gerne auf den Markt bringen, weil es mir Freude macht?" Sondern man dreht den Spiess um und fragt: "Was wollen die Leute hören, was soll ich denen versprechen, was wollen sie lesen und was wollen sie kaufen?" Das möchte man alles am liebsten schon vorher wissen. Ich habe das Gefühl, wenn ich dieses Phänomen auf unsere Frage nach der Führung durch das Leben beziehe, dass sich diese Leute gerade in Bezug auf die Führung durch das Leben um etwas herumlügen. Man kann nicht immer nur fragen, was die anderen wollen. Und ich glaube, dass dies unserer Kultur ganz schwer schadet.

HPZ: Das ist hoch spannend. Das gleiche Thema kommt ja auch in der Wirtschaft vor. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, Marketing zu betreiben. Die eine besteht darin, umfangreiche Marktforschung zu machen. Dann lässt man sich von den Leuten sagen, was sie gerne hätten. Das Problem besteht nur darin, dass die Leute nur auf die Ressourcen zurückgreifen können, die sie bereits kennen. Mit anderen Worten: Wenn wir solches Marketing betreiben, wird nie etwas Neues entstehen. Ich habe einmal eine amerikanische Firma beraten. Die haben sich fast zu Tode marktgeforscht. Die haben ein Produkt entwickelt, einen Prototyp, sind hinaus gegangen und haben das den Leuten gezeigt. Es ging dabei um ein Beschallungsprodukt. Die Leute haben gesagt: "Prima, aber wir brauchen einen symmetrischen Ausgang." - Dann sind sie zurück in die Firma gegangen und haben in der Entwicklungsabteilung einen symmetrischen Ausgang herstellen lassen. Dann wurde das Produkt wieder herumgezeigt. Dann hiess es: "Alles wunderbar, aber es müssten eigentlich Aktivboxen sein." Man ging also zurück ins Labor und hat Aktivboxen entwickelt. Dann kam der nächste und hat gesagt: "Warum habt ihr Aktivboxen? Da gibt es doch viel Schlaueres." Der langen Rede kurzer Sinn: Die haben sich halb kaputt gemarktforscht. Ich habe dann gesagt: "Leute, kennt ihr das alte Sprichwort: Product, find your market?" Irgendwann muss ich einmal hinaus und Marktforschung Marktforschung sein lassen und sagen: "Hallo, Leute, ich bin der Papst. Hier ist mein Produkt. Kaufe es, wer es will. Lasse es sein, wer es nicht will." Das ist ein Marketing, das auch Innovation hervorbringt. Alles andere ist kalter Kaffee und Schnee von gestern. Da werden nur alte Kamellen aufgewärmt.

SW: Das wollte ich gerne hören. Dass das Herstellen von Konsens wenig kreativ ist. In der Familientherapie sagt man das auch. Ein Konsens in der Familie bringt die Leute nicht unbedingt weiter. Vielmehr muss man Kompromisse schliessen, die von jedem etwas verlangen und dadurch Entwicklungen in Gang setzen. - Zum Abschluss noch einmal die Eingangsfrage: Hat die Führung durch das Leben einen religiösen Aspekt? Ist es eine Führung durch den Geist, durch Gott? Ich glaube, unser Gespräch hat gezeigt, dass man diese Frage wahrscheinlich für sich selber beantworten muss. Man kann sie sehr unterschiedlich beantworten. Wichtig ist, glaube ich, dass man sein Leben interpretieren kann. Dass man eine Geschichte erzählen kann, dass man einen Sinn in verschiedenen Umwegen, Krankheiten, Widerfahrnissen entdecken kann. Ist das auch Deine Erfahrung?

HPZ: Absolut. Ich glaube auch, dass dies das Allerwichtigste ist. Wobei ich sagen muss, dass ich manchmal den Eindruck habe, ein bisschen am Ende meines Lateins zu sein. Man kann sich ein Sinnkonstrukt zusammenbasteln und sagen: "Okay, der Sinn meines Lebens ist, Liebe zu lernen, ist, dort oder dort hinzukommen", aber ich frage mich dann immer wieder, was geschieht, wenn ich dies alles habe. Was läuft danach?

SW: Ich finde diesen Gesichtspunkt sehr wichtig, dass die Konstruktion von Sinn sehr variabel ist. Ich erzähle dazu eine Anekdote von dem Hirnforscher Detlef B. Linke - wir hatten ihn ja schon erwähnt. Linke hat gesagt, dass das Gehirn eine Sinnerzeugungmaschine ist. Wir können gar nicht anders, als ständig unseren Handlungen und Widerfahrnissen einen Sinn zu unterlegen. Linke erzählt dazu eine ganz drastische Geschichte. Ein junger Mann hatte sehr schwere epileptische Anfälle. Bei einem dieser Anfälle hatte er die Vorstellung, er sei ein Hund und würde als kleiner Hund seinem Vater entgegenspringen. Und er dachte: "Da wird sich mein Vater aber freuen, wenn so ein hübscher kleiner Hund auf ihn zuspringt." Also er konnte diese Erniedrigung, in sich einen Hund zu sehen, noch positiv deuten. Das hat ja auch Vorteile. Das hat z. B. den Vorteil, dass ein Mensch, der aus Gründen des Alters, einer Krankheit oder eines Unfalls plötzlich in seinen Lebensmöglichkeiten immens reduziert ist oder über längere Zeit Stück für Stück reduziert wird, diesem Leben noch einen Sinn abgewinnen kann. Und das, obwohl sich das aktuelle Leben von dem, was er vorher geführt hat, radikal unterscheidet. Also es verschieben sich die Massstäbe, und dies ist ein schwieriges Problem. So etwas ähnliches habe ich auch bei Dir herausgehört.

HPZ: Mich würde interessieren, was mit einem schweren Psychotiker ist. Wo ist denn da noch überhaupt die Persönlichkeit? Spreche ich da überhaupt noch mit einer Person? Sind die Lichter überhaupt noch an? Oder ist dieser Mensch schon völlig weg? Kann dieser Mensch seinem Leben noch einen Sinn geben? Interessiert es ihn überhaupt noch, ob sein Leben einen Sinn hat oder nicht? Da stosse ich an die Grenzen meiner Vorstellungskraft. Denn bei allen philosophischen Überlegungen, die wir anstellen, stellen wir uns als Basis eine einigermassen gesunde Persönlichkeit vor. Also einen Menschen, der sich als Ganzes auch wahrnimmt. Wenn Du ein Phänomen nimmst wie das Depersonalisierungssyndrom in der Psychiatrie, da steht einer vor dem Spiegel und hat das Gefühl, dass seine Persönlichkeit verfällt. Oder er steht vor dem Spiegel und weiss nicht, wer das ist, dem er da anschaut. Das ist etwas, was ich mir gar nicht mehr richtig vorstellen kann. Ich muss aber akzeptieren, dass es das tatsächlich gibt. Aber da muss ich mich schon fragen, wo das Höhere Selbst ist. Wo ist diese Instanz, die durch alles hindurch geht? Wo ist hier die Führung durch das Leben?

SW: Das ist natürlich alles sehr extrem. Ich habe mich jedenfalls bislang immer so erlebt, dass ich mich auch in sehr kritischen Zeiten immer noch als Kontinuität wahrgenommen habe.

HPZ: Weil die Persönlichkeit auch immer da war.

SW: Das scheint mir für diesen Führungsgedanken auch die Voraussetzung zu sein. Ich muss mich in einer Kontinuität wahrnehmen können. Also selbst wenn ich in einen psychotischen Zustand gerate, muss ich, wenn ich aus diesem Zustand wieder heraus bin, ihn nachträglich noch integrieren können.

HPZ: Das hast Du aber noch nie erlebt, einen solchen psychotischen Zustand, nehme ich an.

SW: Ich vermute es. Ich wüsste es nicht.

HPZ: Ich nehme es bei Dir jedenfalls nicht an. Ich sage immer wieder: Der Unterschied zwischen einem Neurotiker und einen Psychotiker besteht darin, dass der Neurotiker ein Problem hat und meistens auch darüber reden kann, während der Psychotiker kein Problem hat, sondern ein Problem ist. Ich merke diesen grossen Unterschied daran, dass ich mit dem Neurotiker reden und ihm in den meisten Fällen auch helfen kann. Bei den Psychotikern weiss ich aber nie, wer mir gegenübersitzt.

SW: Das heisst, man kann zugespitzt sagen, dass beim Psychotiker die Führung durch das Leben zerbrochen ist?

HPZ: Das weiss ich nicht. Das könnte sein, aber ich weiss es nicht. Nach meinem Weltbild ist das nicht so. Nach meinem Weltbild müsste da immer noch ein Höheres Selbst da sein, das haargenau weiss, wozu das alles gut ist. Vielleicht ist er ja psychotisch, damit die anderen etwas lernen können? Vielleicht nimmt er diese Rolle einfach auf sich, um den anderen diese Möglichkeit zu geben? Damit die anderen zum Beispiel mit ihrer Toleranz in Kontakt kommen.

SW: Mir fällt auf, das Du immer versuchst, allem Geschehen einen Sinn zu unterlegen. Also wenn jetzt der Psychotiker für sich selber nichts mehr gewinnen kann, weil er wie ein Spiegel zerbrochen ist - das ist ja wohl auch das Bild, das man dafür verwendet - dann sagst Du: "Gut, dann hat das aber noch einen Sinn für seine Umwelt." Und ich denke auch, dass unser Thema der Führung durch das Leben zentral auf Sinn abzielt. So dass ich auch noch das schlechte Erlebnis als eine Schule begreifen kann und nicht etwa hedonistisch sage: "So ein Mist. Ich habe mich ja gar nicht amüsiert." Auf der anderen Seite hast Du gerade sehr klug gesagt: "Diese Sinnkonstruktionen machen mir Probleme, weil die sich ständig verändern. Was heute sinnvoll ist, muss es morgen schon längst nicht mehr sein. Oder das, was für mich vor fünf Jahren sinnvoll war, ist es heute erst recht nicht." Das stimmt ja auch. Sinn ist keine feste Grösse. Sondern er variiert. Ich sage es an einem ganz einfachen Beispiel: Eine Frau kann ihren Lebenssinn in der Ausbildung und ihrer Berufskarriere sehen. Und wenn sie heiratet und ein Kind bekommt, ist ihr diese Berufskarriere vielleicht zumindest zeitweilig gleichgültig. Und sie sieht den Sinn und das Skript ihres Lebens darin, dieses Kind grosszuziehen. Das wäre ja auch zu wünschen. Siehst Du darin ein Problem, dass der Sinn einerseits so immens wichtig ist und sich auf der anderen Seite ständig ändert?

HPZ: Es heisst ja, das Leben habe nur den Sinn, den wir ihm selbst zuschreiben. Es ist effektiv so: Man sucht permanent nach Sinn hinter dem Geschehen oder dem, was man tut. Die Frage ist, was treibt einen wirklich an, wenn es nicht der Sinn ist? Sind es die eigenen Triebe, ist es ein Überlebenstrieb, der uns antreibt? Was treibt uns beide an, jetzt dieses Gespräch aufzunehmen?

SW: Das Interesse. Das Interesse an dieser Thematik. Wir reden ja auch schon viel länger, als wir geplant haben. Ich könnte mir vorstellen, dass der seelische Tod in dem Moment eintritt, in dem ich keinen Sinn mehr in meinem Leben erkennen kann. Dann ist, glaube ich, der Boden unter den Füssen weg. Die zweite Bemerkung ist: Ich habe im vergangenen Jahr ein Buch von Imre Kertész gelesen, den "Roman eines Schicksallosen". Darin schildert Kertész, wie er als junger Mann - in Budapest aufgewachsen - in die deutschen Konzentrationslager gerät. Er beschreibt diesen Vorgang fast so wie Simplizissimus den dreissigjährigen Krieg. Kertész versetzt sich als Autor in die Situation des ganz jungen Menschen, der von dem ganzen Ausmass des Grauens noch gar nichts weiss und versucht, in diesem Leben noch einen Rest von Zuversicht, von Bestätigung, bisweilen auch von Vergnügen zu finden. Das ist ein grossartiger Roman. Imre Kertész hat etwa 13 Jahre daran gearbeitet, und dieser Roman liest sich ganz leicht.

HPZ: Das findet man ja auch bei Viktor E. Frankl, "Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn". Frankl hat gemerkt, dass die Leute, die das Konzentrationslager überlebt haben, es deshalb seelisch überlebt haben, weil sie auch im Kleinsten noch einen Sinn finden konnten. Und diejenigen, die keinen Sinn mehr sahen, haben es nicht überlebt.

SW: Das ergänzt sich sehr gut. Frankl hat seine Logotherapie sehr stark aus diesen Erfahrungen heraus aufgebaut. Was mir an ihm so ungeheuer gut gefallen hat, ist die Einsicht: "Ob ich dies hier überlebe oder nicht, mag Zufall sein. Aber was ich daraus mache, das ist kein Zufall." Also mein Leben wird wertvoll in dem Masse, wie ich ihm Sinn verleihen kann. – Dies ist sinngemäss, nicht wörtlich wiedergegeben.

HPZ: Ich habe aber vorhin Deinen Gedanken unterbrochen. Du wolltest noch etwas zu dem Roman von Kertész sagen.

SW: Na ja, Kertész wollte als junger Mensch in einer Situation, in der man ihm nicht wohlwollte, seinen Peinigern noch etwas Positives unterstellen. Sonst hätte er nicht leben können. Man hat gesagt, dieser Roman sei eine geradezu witzige Art, über die Konzentrationelager zu schreiben. Die Literaturkritik sagte, es sei toll, dass einmal über Auschwitz ganz anders, geradezu witzig geschrieben werde. Ich habe diesen Roman ganz anders gelesen. Ich habe auch gesehen, dass im Grauen die Suche nach dem Lächeln bleibt, dass also das Grauen das Lächeln nicht auslöschen darf. Und ich habe diesen Roman auch als ein Meisterstück der Ironie gelesen. Ironie in dem Sinne, dass man sich vom grauenhaften Ereignis und der eigenen Rolle darin distanziert. Das ist ein Grundmotiv der Ironie. Darin findet sich eine Einsicht, die zutiefst anrührend ist. Dass ein Mensch nämlich nicht glauben kann, in einer Umwelt zu sein, in der alle es nur noch schlecht mit ihm meinen. Da würde dann etwas zerbrechen. Jean Améry hat gesagt, ein Mensch der gefoltert wird, für den zerbricht der Bezug zur Welt. Weil er da so etwas radikal Böses erlebt, das er nicht mehr positiv interpretieren kann. Also da verlierst du jeden Glauben an eine Führung durch das Leben.

HPZ: Ich weiss nicht, ob man das so radikal sagen kann. Wir kennen die Geschichte von Améry. Am Schluss hat er sich selbst umgebracht. Ich bin nicht sicher, ob man das allgemein so sagen kann. Ich erlebe bei den Einzelsitzungen, die ich durchführe, immer wieder, dass den Menschen ganz Schlimmes angetan worden sein kann. Ich denke da zum Beispiel an Missbrauch. Eine Frau wurde von ihrem eigenen Vater missbraucht. Was relativ oft vorkommt; öfter, als man glaubt. Wenn man diese Leute richtig in einer leichten Trance führt, dann kommen die nach kurzer Zeit von einem unglaublich abgrundtiefen Hass zu einer Situation, in der sie von sich aus sagen: "Ich glaube, ich schicke diesem Menschen Licht. Ich kann ihn jetzt verstehen, warum er so war." Wenn man das nicht erlebt hat und nur von aussen betrachtet, kann man das kaum glauben. Aber ich erlebe das fast tagtäglich. Ich habe ein Ritual dafür. Die Leute sollen sich vorstellen, dass diese Widersacher sich im Licht versammeln. Dann schaut man, ob diese Widersacher schon mit Licht gefüllt sind. Wenn das nicht der Fall ist, muss man sie noch füllen. Einige lassen sich mit Licht füllen, andere nicht. Dann muss man noch mit ihnen diskutieren, das machen wir in einem Rollenspiel - nach dem Psychodrama. Wenn das erledigt ist, kommt eine allgemeine Versöhnung. Ich lasse die Leute nie raus, bevor nicht eine solche Versöhnung da ist. Weil ich weiss, dass alles andere giftig ist für diese Menschen. Und deshalb komme ich immer wieder zu dem Ergebnis, dass alles doch wohl einen Sinn hat. Also, wenn du dich als Jude im Dritten Reich sehen kannst und deine ganzen Nazitypen um dich versammelt hast und die am Anfang natürlich hasst - das ist ganz klar - dann aber aufgrund von gewissen Techniken dazu kommst, zu sagen: " Wisst ihr was, es ist alles gut, so, wie es ist ." - Ich weiss nicht, hat Gott nicht einmal gesagt: "Und siehe, es ist alles gut"?

SW: Jetzt kommst Du mir schon vor wie ein christlicher Prediger. Die Aussage, dass alles gut sei, schliesst die Schöpfungsgeschichte ab. Die Schöpfungsgeschichte endet mit dem Satz: "Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut." - Und dann geht das Drama los, dass die Menschen mit der Schöpfung nicht so umgehen, wie Gott sich das vorgestellt hat. Und deswegen schickt er die Sintflut.

HPZ: Wenn Gott allmächtig ist, dann hatt er es sich genauso vorgestellt, wie es ist.

SW: Über das Thema werden wir noch später reden. Hier möchte ich aber auf den Gedanken der Versöhnung zurückkommen. Ich finde es enorm berührend, was Du sagst. Denn die Versöhnung ist ein zentraler christlicher Gedanke. Dem Feind soll zwar widerstanden werden, das ist ganz klar. Der Feind ist der Feind. Aber das Ziel besteht letztendlich in einer Versöhnung. Es sind ja alles Geschöpfe Gottes. Dass es Zwietracht gibt, ist ein Unfall. Und ich finde es ausserordentlich berührend, dass ein moderner Therapeut wie Du, Hans-Peter, sagt: "Auch wenn jemand schwer durch das Unrecht, das ihm ein Mensch zugefügt hat, traumatisiert worden ist, kommt er aus dieser Traumatisierung nur heraus, wenn er sich am Ende mit dem Täter versöhnt."

HPZ: Und das geht eben wieder wesentlich einfacher, solange man zulässt - zumindest für die Dauer der Therapie zulässt - dass es möglicherweise so etwas wie frühere Leben gibt. Dann kann ich nämlich sagen: "Du warst in diesem Leben offensichtlich mehrmals Opfer. Man hat dir wirklich Böses zugefügt. Jetzt schauen wir doch mal, falls es so etwas gäbe wie frühere Leben, dann kriegst du auf drei ein Bild, wo du auch einmal Täter warst." Und dann zählst du bis drei, und dann erzählt dir dieser Mensch plötzlich eine Situation, in der er selber Täter war. In dem Moment, wo er das erzählt, weckt es in ihm sämtliche Ressourcen zum Verständnis des Täters in seinem Leben, also des Täters, der ihn zum Opfer gemacht hat. Ich mache das auch mit Rollenspiel. Ich spreche mit diesem Täter. Er, der Klient, muss dann diesen Täter spielen, muss ihn quasi verteidigen. Das ist eine ganz erfolgreiche Geschichte, was da abläuft. Da werden sämtliche Ressourcen des Verständnisses geweckt. Am Schluss sagt der Klient: Nachdem er ihn versteht, warum der so gehandelt hat, nachdem er diese Gedankengänge nachvollziehen kann, auch die Emotionen von einem Täter gespürt hat, dann ist er bereit zum Verzeihen. Vorher nicht.

SW: Das ist hochinteressant. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern - ich glaube auch in der Schweiz, gibt es ein Konzept das sich "Täter-Opfer-Ausgleich" nennt. Und zwar sagt man, es ist sinnvoller, wenn zum Beispiel ein Mann jemanden auf der Strasse überfallen hat - er hat einer Frau die Handtasche weggenommen - anstatt ihn ins Gefängnis zu stecken, ihn zu motivieren, sofern das Opfer damit einverstanden ist, sich mit dem Opfer zu konfrontieren. Dieses Konzept, das nicht für alle Straftaten geeignet ist, aber doch für eine grosse Zahl, hat enorme Vorteile. Nehmen wir jetzt das Beispiel der überfallenen Frau. Da hat die Frau die Chance, in der Auseinandersetzung mit dem Täter das Geschehen zu deuten und zu verarbeiten. Und für den Täter, das zeigen alle einschlägigen Untersuchungen, ist die Konfrontation mit dem Opfer viel unangenehmer, als einfach im Gefängnis zu sitzen.

HPZ: Aber auch lehrreicher.

SW: Natürlich.

HPZ: Da sind wir wieder beim alten Hawaii. Da hiess das Ho‘oponopono, zu Deutsch "doppelt richtig machen". Also für beide Seiten richtig machen. Die Alten Hawaiianer haben, so scheint es nach der Überlieferung, folgendes getan: Wenn einer irgendwo eingebrochen hat, dann hat man den nicht einfach bestraft und gesagt, es sei ein Zufall, dass nun gerade bei mir eingebrochen worden sei. Sondern das Opfer hat sich gesagt: "Okay, ich habe offensichtlich etwas damit zu tun." Damit sind wir wieder bei diesem Resonanzprinzip. Dann hat eine unabhängige Vermittlerinstanz dafür gesorgt, dass sich die beiden an einen Tisch setzten. Dann hat man den Täter gefragt, warum er den Einbruch begangen hat. Unser Einbrecher hat vielleicht gesagt: "Ich habe Frau und Kinder und weiss nicht, wie ich sie ernähren soll." Und dann hat man im Gespräch versucht, herauszufinden, was man tun könnte, damit dieser Mensch in Zukunft nicht mehr diese kriminellen Handlungen begeht. Und der Täter musste gleichzeitig etwas Gutes tun, z. B. ein paar Monate im Garten des Opfers das Unkraut jäten. Also die Tradition des Täter-Opfer-Ausgleichs ist uralt.

SW: Für mich ist es aber sehr interessant, dass wir in unserem Gespräch zwei Seiten der Führung durch das Leben kennen gelernt haben. Einerseits ist diese Führung durch das Leben etwas Geheimnisvolles, es birgt sehr viele Überraschungen und wir können es oft auch nicht deuten. Vielleicht gelingt die Deutung nachträglich. Und auf der anderen Seite ist diese Führung sehr, sehr klar. Denn, wenn ich noch einmal wiederhole, was Du gesagt hast: Du hast gesagt, es ist ein Lernprogramm, es gibt bestimmte Dinge, die wir lernen und abarbeiten müssen, bestimmte Dinge, die wir auflösen müssen, die uns blockieren. Und jetzt kam zum Schluss - das fand ich besonders berührend - das Thema der Versöhnung auf. Dass also der Feind, der mir etwas Böses tut, so lange innerlich mein Feind bleibt, bis ich es geschafft habe, mich mit ihm zu versöhnen. Ich habe also auch dem Feind gegenüber eine Bringschuld als Opfer. Und solange, wie ich das nicht begreife, hat die Führung durch das Leben noch nicht richtig funktioniert.

HPZ: Das Verrückte ist ja auch: Sobald man diese Haltung hat und begriffen hat, dass das Leben einen führt, hat man auch, so habe ich jedenfalls den Eindruck, in negativen Situationen die Einstellung, dass daraus nur Positives entstehen kann. Ich gebe Dir noch ein Beispiel. Vor anderthalb Jahren hatte ich nach 20 Jahren unfallfreier Fahrt einen Autounfall. Den hatte ich verschuldet, weil ich bei Glatteis einen Berg heruntergefahren war und nicht gut genug aufgepasst hatte. Ich habe ein Auto, das mir entgegen kam, gestreift. In dem Moment, in dem ich es gestreift hatte, war ich hundertprozentig davon überzeugt, dass das einen Sinn hat, dass irgend etwas Gutes draus folgen würde. Und tatsächlich sind zwei oder drei wunderbare Dinge daraus entstanden. Ich möchte diesen Unfall nicht missen. Nicht um alles in der Welt. Er hat mich zwei- oder dreitausend Franken gekostet - als Investition.
 
 
 
Zurück zum Verzeichnis der Gespräche
             
 
             
 

Jetzt gleich HPZs beliebten Power-Letter abonnieren - gratis!

hypnose-drz

Zurück zur Homepage von Dr.Zimmermann+Partner

http://www.hpz.com


hpz8@gmx.ch